Aktualisiert 01.06.2010 14:05

Die Tragödie im Heysel-StadionAls der Fussball seine Unschuld verlor

Am 29. Mai 1985 besiegte Juventus Turin den FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion mit 1:0. Doch das wahre Resultat waren 39 Tote und über 450 Verletzte.

von
dhr

Die «schreckliche Nacht von Brüssel», wie der ehemalige Stürmer des FC Liverpool Ian Rush die Tragödie nannte, machte endgültig klar, dass dieser Ballsport ein Gewalt- und ein Sicherheitsproblem hatte. Im baufälligen Heysel-Stadion verlor der Fussball seine Unschuld.

Die Tragödie hatte viele Ursachen. Da war zum einen das Heysel-Stadion, das trotz seines Status als belgisches Nationalstadion für das Endspiel des Meistercups ungeeignet war. Das 55 Jahre alte Stadion war so baufällig, dass an einigen Stellen Teile abbröckelten. Tatsächlich hatte ein Funktionär des FC Liverpool vor dem Spiel auf den skandalösen Zustand des Heysel-Stadions hingewiesen. Sein Rat, die Begegnung an einem anderen Ort auszutragen blieb ohne Erfolg.

Der fatale Block Z

Ungünstig wirkte sich ferner die Organisation der Sicherheitskräfte aus: Die Brüsseler Polizei war für die eine Hälfte des Stadions verantwortlich, die Rijkswacht (Gendarmerie) für die andere Hälfte. Die Funkgeräte der beiden Einheiten waren nicht kompatibel.

Hinzu kam die Art und Weise, wie die Karten verkauft wurden. Die Fans der beiden Klubs sollten das Spiel eigentlich weit voneinander getrennt in den beiden Kurven verfolgen. Der an den Liverpooler Block angrenzende Block Z sollte «neutrale» belgische Zuschauer aufnehmen. Tatsächlich gelangten aber zahlreiche Juventus-Fans in diesen Bereich, da viele in Belgien niedergelassene Italiener Karten für diesen Block kauften und belgische Fussballfans ihre Tickets auf dem Schwarzen Markt verkauften. Zudem verkauften Reisebüros ihre Kontingente für Block Z vor allem an Juventus-Fans. Beide Klubs hatten im Vorfeld vergeblich von der Einrichtung dieses neutralen Blocks abgeraten.

Erdrückt, erschlagen, zertrampelt

Die Stimmung in dem mit 58 000 bis 60 000 Menschen vollbesetzten Stadion war schon lange vor dem Anpfiff äusserst geladen. Viele — vor allem englische — Fans hatten in Brüssel schon seit Mittag getrunken und sich mit gegnerischen Fans geprügelt. Als italienische Fans sturzbetrunkene Anhänger von Liverpool im benachbarten Block provozierten, konnte die Polizei die beiden Lager nur mit grosser Mühe auseinander halten. Schon um 19 Uhr, eine Stunde vor Anpfiff, begannen Juventus-Fans, mit Steinen und Leuchtraketen zu werfen. Die Engländer antworteten mit Schmähgesängen und bengalischen Feuern.

Etwa um 19:45 Uhr eskalierte die Situation. Mehrere hundert Hooligans aus dem Liverpooler Block X durchbrachen die provisorische Absperrung, überwanden das von nur wenigen Polizisten gesicherte Niemandsland und versuchten Block Z zu stürmen. Die vielen Juventus-Fans in diesem Block hatten keinen Ausweg; sie flohen in Panik auf die andere Seite ihres Blocks, wo sie versuchten, über die Abgrenzungsmauer zu klettern.

Einigen gelang dies, die meisten wurden jedoch durch die Masse der nachfolgenden Menschen gegen die Mauer gedrückt, die schliesslich dem Druck nachgab und einstürzte. Die meisten der Todesopfer wurden unter der Mauer begraben, andere wurden erdrückt oder zu Tode getrampelt. 32 der 39 Toten waren Italiener, ferner kamen vier Belgier, zwei Franzosen und ein Nordire ums Leben. 454 Personen wurden verletzt.

Das Spiel findet statt

Die Juventus-Fans auf der anderen Seite des Spielfelds versuchten einzugreifen, wurden aber von der Polizei daran gehindert. Die Auseinandersetzungen auf dieser Seite gingen nach dem Anpfiff weiter. Dass das Spiel überhaupt stattfand, wurde nachher heftig kritisiert. Die Verantwortlichen befürchteten offenbar, dass die Lage sonst noch weiter eskalieren könnte. Immerhin brachen viele Fernsehsender ihre Direktübertragung ab.

Juventus Turin gewann die von dem Schweizer Schiedsrichter André Daina geleitete Begegnung 1:0.

Video: Tragödie im Heysel-Stadion, Teil 1

Reportage von «Welt der Wunder» auf N-TV über die Tragödie im Brüsseler Heysel Stadion 1985.

Teil 2

Teil 3

Die Folgen

26 Hooligans wurden an Belgien ausgeliefert. 14 von ihnen wurden zu Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren verurteilt. Die Hinterbliebenen erhielten rund 1,25 Millionen Euro Entschädigung.

Das Heysel-Stadion wurde abgerissen und neu gebaut. 1995 wurde das neue Stadion unter dem Namen König-Baudouin-Stadion eröffnet.

Sämtliche englischen Fussballklubs wurden für fünf Jahre von allen internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen; der FC Liverpool für sieben Jahre. Auch Juventus Turin und der belgische Fussballverband wurden mit Strafen der UEFA belegt.

Die Katastrophe hatte zur Folge, dass andere Stadien baulich angepasst wurden. Beispielsweise verschwanden die Zäune, die zuvor die Zuschauer daran hindern sollten, auf das Spielfeld zu gelangen. Bei wichtigen internationalen Spielen werden zudem nur noch Sitzplätze angeboten. Auch die Ticketierung wurde geändert.

(Wikipedia.org)

Massenpanik im Stadion

Auch bei anderen Fussballspielen kam es in der Vergangenheit schon zu tragischen Unglücksfällen:

23. Juni 1968

Bei einem Massenansturm auf einen verschlossenen Ausgang kommen in Buenos Aires 74 Menschen um, 150 werden verletzt.

2. Januar 1971

Beim Zusammenbruch einer Tribüne sterben in Glasgow während des sogenannten Old Firm zwischen den Rangers und Celtic 66 Menschen.

8. Februar 1981

Ein Massensturz auf den Zuschauerrängen nach dem Meisterschaftsspiel Olympiakos Piräus gegen AEK Athen fordert 21 Todesopfer und über 50 Verletzte.

20. Oktober 1982

Bei einer Massenpanik im Moskauer Luschniki-Stadion gegen Ende des UEFA-Pokal-Spiels von Spartak Moskau gegen den HFC Haarlem kommen nach offiziellen Angaben 66 Menschen ums Leben. Möglicherweise sind es jedoch bedeutend mehr.

11. Mai 1985

Beim Brand einer Holztribüne sterben in Bradford 56 Menschen.

15. April 1989

Im Hillsborough-Stadion in Sheffield werden 96 Fans des FC Liverpool während eines Halbfinalspiels des FA Cup zu Tode gedrückt.

11. April 2001

Beim Spiel der Kaizer Chiefs gegen die Orlando Pirates bricht im überfüllten Ellis-Park-Stadion von Johannesburg eine Tribüne zusammen. 43 Menschen finden den Tod.

9. Mai 2001

Eine Panik im Fussballstadion von Accra, Ghana, fordert 130 Tote.

29. März 2009

Beim WM-Qualifikationsspiel Elfenbeinküste gegen Malawi kommen nach einem Mauereinsturz und einer daraus resultierenden Massenpanik 19 Menschen ums Leben, 130 werden verletzt.

(Wikipedia.org)

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