Rückblick: Als der Himmel über Sibirien brannte
Aktualisiert

RückblickAls der Himmel über Sibirien brannte

Eines der grössten Rätsel der jüngeren Geschichte ereignete sich vor 105 Jahren in Sibirien. Eine gigantische Explosion verwüstete die Tunguska-Region.

von
Peter Blunschi
Eine Aufnahme von 1953: Fast 50 Jahre nach der Katastrophe waren die Spuren noch deutlich zu erkennen. (Bild: Keystone)

Eine Aufnahme von 1953: Fast 50 Jahre nach der Katastrophe waren die Spuren noch deutlich zu erkennen. (Bild: Keystone)

Anlässlich des 100. Jahrestages veröffentlichten wir am 30. Juni 2008 einen Rückblick auf die Explosion in Sibirien, die durch Himmelskörper ausgelöst wurden. Durch den Einschlag eines Meteoriten in Tscheljabinsk hat diese zeitliche Rückblende eine neue Aktualität erhalten.

Am 30. Juni 1908 kurz nach 7 Uhr stürzte eine riesige Feuerkugel im Gebiet des Flusses «Steinerne Tunguska» vom Himmel. Eine heftige Explosion mit der Sprengkraft von mehreren hundert Hiroshima-Atombomben zerstörte rund 60 Millionen Bäume auf einer Fläche von rund 2000 Quadratkilometern. Augenzeugen beobachteten das Ereignis noch in mehreren hundert Kilometern Entfernung, weltweit wurden Erdbebenwellen registriert, in Europa blieb es in den folgenden Nächten taghell.

Die Ursache des Tunguska-Ereignisses ist bis heute ungeklärt. Das liegt zum einen daran, dass es in einer entlegenen Gegend stattgefunden hatte. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde es zudem als Staatsgeheimnis behandelt, die Region war Sperrgebiet. Erst im neuen Russland konnte die Forschung intensiviert werden. Zahlreiche skurrile Theorien sind entstanden, etwa dass ein winziges schwarzes Loch die Katastrophe verursacht habe. Drei mögliche Ursachen rückten in den letzten Jahren in den Mittelpunkt.

Die Erdgas-Theorie

Der russische Wissenschaftler Wladimir Epifanow glaubt, dass das Unheil nicht von oben, sondern von unten kam. In der Tunguska-Region gibt es grosse Vorkommen von Erdöl und Erdgas, die unter einer mächtigen Basaltschicht begraben liegen. Irgendwie habe das Gas einen Weg an die Oberfläche gefunden. Als flüssiger Strahl sei es in die obere Atmosphäre geschossen, dort entzündet worden und als Feuerball zur Erde gestürzt. In den tieferen, mit Sauerstoff gesättigten Schichten habe dies zur Explosion geführt, vermutet Epifanow.

Die Ufo-Theorie

Die Möglichkeit, dass ausserirdische Lebensformen die Katastrophe verursacht haben, hat die Menschheit schon lange fasziniert. Der berühmte Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem schrieb in seinem Roman «Die Astronauten», die Explosion eines Raumschiffs von der Venus habe das Tunguska-Ereignis verursacht. Vor vier Jahren behaupteten russische Forscher, sie hätten Reste eines Ufos im sibirischen Tal entdeckt. Juri Lawbin, der Leiter der Expedition, erklärte gemäss «Spiegel Online», dass 1908 ein gigantisches Objekt auf die Erde zugerast sei, dessen Einschlag die Menschheit ausgerottet hätte.

«Ich bin mir sicher, dass wir durch eine hoch entwickelte Zivilisation gerettet wurden», sagte Lawbin. «Sie sprengten den gewaltigen Meteoriten, der auf uns mit enormer Geschwindigkeit zuraste.» Die Ausserirdischen hätten sich dabei geopfert. Juri Lawbin behauptete weiter, er habe ein Stück Metall des Ufos gefunden. Die Forschergemeinde reagierte mit grösster Skepsis, und tatsächlich hat man vom angeblichen Fund nichts mehr gehört. Doch so schnell dürfte die Ufo-Theorie nicht verschwinden. Nicht umsonst hat man Tunguska auch schon als «russisches Roswell» bezeichnet, in Anlehnung an den Ort in New Mexico, bei dem 1947 angeblich ein Ufo abgestürzt war.

Die Asteroiden-Theorie

Schon immer galt es am plausibelsten, dass ein Himmelskörper die Explosion verursacht hatte. Dabei ging man weniger von einem Kometen oder kosmischen Schneeball aus als von einem steinernen Asteroiden. Dieser sei in der Atmosphäre zerborsten, die dabei freigesetzte Energie habe die Katastrophe erzeugt. Allerdings fand man nie Überreste eines solchen Asteroiden. Im letzten Jahr jedoch sorgten Forscher der Universität Bologna für Aufsehen. Sie glauben, dass der rund acht Kilometer vom Epizentrum der Explosion entfernte, trichterförmige Tscheko-See durch ein Bruchstück des Tunguska-Asteroiden erschaffen wurde.

Beweise dafür fehlen noch, doch die Asteroiden-Theorie wurde ebenfalls 2007 durch eine Studie von Mark Boslough und David Crawford von den Sandia National Laboratories in Albuquerque (USA) untermauert. Sie hatten Tunguska mit Hochleistungscomputern nachgestellt und waren zum Schluss gekommen, dass die bisherige Annahme falsch ist, ein 50 bis 60 Meter dicker Asteriod habe eine Explosion von 10 bis 15 Megatonnen TNT verursacht. Eine solche hätte viel grössere Schäden verursacht, etwa den Sandboden zu Glas geschmolzen. Es waren aber nur Bäume betroffen.

Ist es bald wieder soweit?

Boslough und Crawford kamen zum Schluss, dass «lediglich» eine Energie von drei bis fünf Megatonnen TNT freigesetzt wurde. Der Asteroid wäre demnach deutlich kleiner gewesen, höchstens 30 Meter dick. Das aber ist «keine gute Nachricht», so die «Frankfurter Allgemeine». Denn Objekte dieser Grösse sausen zahlreiche durchs All, die Häufigkeit eines Einschlags ist entsprechend gross. Mark Boslough glaubt, dass es etwa alle 100 Jahre dazu kommen könnte. Es wäre also bald wieder einmal so weit …

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