Forderung nach Wiedergutmachung: Als der Kanton Bern in den Sklavenhandel investierte
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Forderung nach WiedergutmachungAls der Kanton Bern in den Sklavenhandel investierte

Bern beteiligte sich im 18. Jahrhundert nachweislich bei einer Firma, die im Sklavenhandel tätig war. Politiker fordern nun, dass sich der Kanton seiner dunklen Vergangenheit stellt.

von
Raphael Casablanca
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Der Staat beziehungsweise der Kanton Bern beteiligte sich im 18. Jahrhundert an einer Firma, die im Sklavenhandel tätig war.

Der Staat beziehungsweise der Kanton Bern beteiligte sich im 18. Jahrhundert an einer Firma, die im Sklavenhandel tätig war.

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Tabea Rai, Stadträtin Alternative Linke
 Bern (AL Bern), fordert von Stadt und Kanton Bern sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Tabea Rai, Stadträtin Alternative Linke
Bern (AL Bern), fordert von Stadt und Kanton Bern sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

PD
Der Regierungsrat räumte schon bei einer Interpellation von 2003 ein, dass die Beteiligung des Kantons Bern am Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert unbestritten sei.

Der Regierungsrat räumte schon bei einer Interpellation von 2003 ein, dass die Beteiligung des Kantons Bern am Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert unbestritten sei.

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Darum gehts

  • Der Kanton Bern beteiligte sich im 18. Jahrhundert am Unternehmen South Sea Company, welches im Sklavenhandel tätig war.
  • Bereits 2003 räumte der Regierungsrat ein, dass sich der Staat Bern am Sklavenhandel beteiligte.
  • Nun soll der Kanton Nachfahren von Sklaven eine Wiedergutmachung bezahlen.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung sorgte weltweit für Aufsehen und entfachte vielerorts Diskussionen über den Umgang mit Rassismus. Bei einer Demonstration in Bristol (GB) landete die Statue eines Sklavenhändlers kurzum im anliegenden Fluss. «Die weltweiten Proteste haben gezeigt, dass Rassismus nicht nur in Amerika allgegenwärtig ist», sagt Tabea Rai, Stadträtin Alternative Linke Bern (AL Bern). Mit zwei Interpellationen richten sich die Mitglieder der Partei nun an den Kanton und die Stadt Bern. Denn der Kanton (früher Staat) Bern beteiligte sich im 18. Jahrhundert nachweislich am Sklavenhandel.

Der Berner Regierungsrat räumte schon bei einer Interpellation von 2003 ein, dass die Beteiligung des Staates Bern am Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert unbestritten sei. Zwischen 1719 und 1734 besass der Staat Bern etwa Aktien der englischen South Sea Company, die sklavereirelevanten Dreieckshandel betrieb. Die AL Bern fordert deswegen, dass sich Stadt und Kanton Bern rund 17 Jahre später erneut mit der eigenen, dunklen Vergangenheit beschäftigten und sich um eine materielle Wiedergutmachung an die Nachkommen der Sklaven bemühten. Neuste historische Erkenntnisse und die aktuell geführten Debatten über Kolonialismus würden zu einer neuen Ausgangslage führen.

Zeiten ändern sich

Unterstützt werden diese Forderungen vom Schweizer Historiker Hans Fässler, der sich seit 20 Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. «Für die Nachkommen der Sklaven wäre es ein wichtiges Signal, wenn sich der Kanton oder die Stadt Bern der eigenen Vergangenheit stellt und sich mit mit der Thematik auseinandersetzt», so Fässler, der in der Vergangenheit für die SP St. Gallen politisierte. Eine einfache Zahlung würde als Wiedergutmachung aber nicht reichen: «Vielmehr sollte ein Prozess entstehen, in dem man sich mit der gemeinsamen Geschichte auseinandersetzt.»

Der Historiker untersucht unter anderem, in welchem Umfang sich Schweizer an der Sklaverei beteiligt hatten. «Würde man die Profite der Schweiz durch Sklaven zusammenrechnen, müsste der Betrag für eine Wiedergutmachung in Milliardenhöhe sein», so Fässler. Die Berechnung wäre jedoch aufwendig, dafür wäre ein Team verschiedener Historiker notwendig – auch solche aus Übersee. «Für mich steht fest, dass der durch Sklaven erzielte Gewinn eher in die Milliarden geht als in die Millionen», so Fässler

Bundesrat beschützte Sklavenhalter

Laut Fässler haben Schweizer nicht nur indirekt in der Sklaverei mitgemischt. Wie der Historiker ausführt, hat es beispielsweise bis in die 1860er-Jahre in Brasilien viele Schweizer gegeben, die ihre Plantagen mit Sklaven bewirtschaftet hatten. Der Nationalrat Wilhelm Joos setzte sich 1864 dafür ein, dass den Betreibern dieser Plantagen in Brasilien untersagt wird, Sklaven für sich arbeiten zu lassen. Er wandte sich mit seinem Anliegen an den Bundesrat. Fässler: «Dieser war damals der Auffassung, dass Sklaverei kein Verbrechen sei und es aus wirtschaftlicher Sicht nicht zumutbar wäre, diesen Schweizern ihre Sklaven wegzunehmen.»

Wilhelm Joos

1821 in Schaffhausen geboren, 1900 dort verstorben: Wilhelm Joos war ein Schweizer Nationalrat, Arzt und Weltenbummler. Der Mediziner praktizierte während der Februarrevolution in Paris, danach in Algier, Brasilien und Kolumbien sowie Ägypten, Palästina und der Türkei. Später betrieb er eine Arztpraxis in Schaffhausen und politisierte für die heutige Sozialdemokratische Partei. Er kämpfte etwa gegen den Sklavenhandel und die Verdingung von Kindern in der Schweiz.

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