Vor 100 Jahren: Als der «Messias aus Berlin» in die Schweiz kam
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Vor 100 JahrenAls der «Messias aus Berlin» in die Schweiz kam

Im September 1912, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, besuchte der deutsche Kaiser Wilhelm II. ein Truppenmanöver in der Schweiz. Der Monarch wurde begeistert empfangen.

von
dhr

Vor genau hundert Jahren, Anfang September 1912, fand im unteren Toggenburg bei Wil ein militärischer Grossanlass statt: 24 000 Mann des Dritten Armeekorps führten mit tausenden von Pferden eine Truppenübung durch; über 100 000 Zuschauer verfolgten das Manöver.

Das Ereignis wurde europaweit beachtet, auch weil ein prominenter Gast anwesend war: der deutsche Kaiser Wilhelm II (1859 - 1941). Der schneidige Monarch aus dem Reich, der eine starke Vorliebe für alles Militärische hegte, war mit zahlreichen hohen Offizieren – darunter dem Generalstabschef der Reichswehr, Generaloberst von Moltke – bei dem folgerichtig «Kaisermanöver» genannten Anlass zugegen.

Starke deutsche Kolonie

Während seiner viertägigen Visite in der Alpenrepublik zwischen dem 3. und 6. September wurde der Kaiser mit Wohlwollen, sogar mit Begeisterung empfangen. Dies lag nicht allein an der starken deutschen Kolonie in der Schweiz – 1910 lebten offiziell gut 219 000 deutsche Staatsbürger im Land, was 5,8 Prozent der Wohnbevölkerung entsprach (heute: 3,5 Prozent). Allein in der Stadt Zürich waren 41 150 der insgesamt 195 639 Einwohner Reichsdeutsche.

Auch unter den Einheimischen, jedenfalls in der Deutschschweiz, wurden Wilhelm II. und mehr noch das Deutsche Reich bewundert. Der Kaiser wurde derart begeistert begrüsst, dass der deutsche Sozialistenführer Karl Liebknecht den Schweizern vorwarf, sie hätten dem Kaiser «wie einem Messias aus Berlin» gehuldigt. Die heute weitherum spürbare Antipathie gegenüber den nördlichen Nachbarn machte sich erst breit, als das Reich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg unterging.

Obwohl 1912 bereits die ersten Wolken des heraufziehenden Krieges am Horizont sichtbar wurden, galt das erst 1871 gegründete Kaiserreich dank seiner wirtschaftlichen Dynamik und militärischen Stärke als Vorbild, vor allem in bürgerlichen Kreisen. In der Romandie und in der sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft hingegen stand man dem Reich eher ablehnend gegenüber.

Zusammenhang mit dem Schlieffen-Plan?

Der Kaiser hatte die Schweiz ursprünglich schon 1908 besuchen wollen, notfalls auch inkognito. Doch der Bundesrat zog es vor, auf eine offizielle Anfrage zu warten, die dann 1911 erfolgte. Aus Gründen der Neutralitätspolitik wurde jeder Anschein vermieden, das Manöver werde ausschliesslich für die deutschen Gäste veranstaltet, und so wurden zahlreiche hohe Offiziere anderer Staaten eingeladen.

Der Besuch des Kaisers wird nicht selten mit der militärischen Planung des deutschen Generalstabs vor dem Ersten Weltkrieg in Verbindung gebracht: Der sogenannte Schlieffen-Plan, der für den Angriff auf Frankreich eine Umfassungsbewegung des deutschen Heeres auf dem rechten Flügel, mithin im Norden, vorsah, nahm eine weitgehende militärische Entblössung des süddeutschen Raums in Kauf. Aus deutscher Sicht drohte daher ein französischer Gegenangriff über die Schweiz nach Süddeutschland.

Möglicherweise wollten sich der Kaiser und seine Generalstabsoffiziere tatsächlich vor Ort davon überzeugen, dass das Schweizer Heer einem solchen französischen Angriff entgegentreten konnte. Heute geht man allerdings eher davon aus, dass Wilhelms Motiv vor allem in seiner Begeisterung für alles Militärische lag und es sich bei dem Besuch in erster Linie um ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis handelte.

Video: Staatsbesuch 1912

(Quelle: YouTube/MrPSueess)

Video: Kaiser Wilhelm II.

... der Kaiser kommt!

Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen zeigt vom 1.9.2012 bis zum 6.1.2013 eine Ausstellung zum Thema: Das Kaisermanöver 1912 bei Kirchberg – Die Schweiz am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

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