Beate-Uhse-Film: Als Deutschland lieben lernte

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Beate-Uhse-FilmAls Deutschland lieben lernte

Sie bekam über 2000 Anzeigen und der Staatsanwalt riet ihr, sie solle besser Pullover stricken. Doch Beate Uhse gründete den ersten Sexshop und eine Erotik-Dynastie. Jetzt wird ihr Leben verfilmt.

von
Philipp Dahm

Ihr Leben schreit geradezu nach einer Verfilmung: Beate Uhse war nicht nur Vertriebene, Kunstflug-Artistin und Mutter, sondern sie war auch eine Sex-Pionierin im Nachkriegsdeutschland. Sie soll 1962 den ersten Sexshop der Welt gegründet haben und musste sich wegen ihres Erotikversands über 2000 Klagen stellen. Kein Wunder, dass das ZDF nun einen Film über die 2001 verstorbene Beate Uhse drehen will.

Unter dem Titel «Beate Uhse – Ich will Freiheit für die Liebe» soll die Vita der Ostpreussin in der Zeit nach dem Krieg bis in die 60-er Jahre beleuchtet werden. Und die hat es in sich: 1919 in Cranz geboren, besuchte sie in ihrer Kindheit unter anderem auch Internate wie die Odenwaldschule, die wegen Missbrauchsfällen kürzlich in die Schlagzeilen geraten war. Ihre liberalen Eltern klärten das jüngste dreier Kinder früh auf.

Im zarten Alter von 17 Jahren flog Beate Uhse, geborene Köstlin, in Berlin das erste Mal mit einem Lehrer in einem Flugzeug, mit 18 Jahren bekam sie ihren Pilotenschein ausgehändigt. Sie arbeitete als Praktikanten bei einem Flugzeugbauer und begann mit dem Kunstflug, wo sie ihren Lehrer und späteren ersten Ehemann Hans-Jürgen Uhse kennenlernte. Bis 1945 überführte sie Flieger und arbeitete währenddessen auch als Piloten-Double wie etwa in dem Streifen «Achtung, Feind hört mit!».

«Stimmt in Ihrer Ehe alles?»

Ihr Mann, den Uhse 1939 heiratete und mit dem sie einen Sohn hatte, starb 1944 im Krieg. Als ein Jahr später die Rote Armee in Berlin einmarschierte, floh Uhse mit dem Kind, seiner Nanny und vier weiteren Personen per Flieger nach Flensburg. Ganz im Norden Deutschlands wurde die Ostsee-Stadt durch seine Entfernung zu den Fronten im Osten und Westen für viele zu einem letzten Refugium: Hier verkündete Deutschlands letzter Befehlshaber, Admiral Döring, am 8. Mai 1945 das Ende des Deutschen Reiches.

Nach dem Waffenstillstand verboten die Alliierten Beate Uhse ihre Leidenschaft, die Fliegerei. Wie Hundertsausende andere Flüchtlinge musste sich Uhse mit Kleinverkäufen über Wasser halten und verdiente ihre Brötchen mit dem Verkauf von Kondomen, Eheberatungsbüchern und Heften, die 50 Pfennig kosteten. 1952 gründete sie die nach ihr benannte Firma: Der erste Katalog trug den Titel «Stimmt in ihrer Ehe alles?». Aktbilder gab es darin keine, wohl aber Fotos der Inhaberin als Ehefrau und vierfache Mutter: 1949 hatte sie erneut geheiratet.

Dein Erotikversand versteht dich

Selbst ihre Adresse war in erstem Versandhausregister preisgegeben: Auf diesem Wege wollte die Pilotin ihre Marke etablieren, Respektabilität und Nähe zum Kunden schaffen, schreibt Elisabeth Heinemann in dem Aufsatz «Der Mythos Beate Uhse»: Ihre «Kataloge [waren] weit mehr als eine reine Warenpräsentation: Sie versicherten den Konsumenten auch, dass ihre Nöte legitim waren und dass die Firma eine vertrauenswürdige Adresse für die privatesten Probleme sei.» Dank Frei nach dem Motto: Braucht sie zu lang (oder er zu kurz) für den Orgasmus, hilft ein Cremchen, die Ehe zu retten. Kondom ersetz Coitus interruptus – so dass auch die Frau kommen kann.

Das Konzept ging auf: Mit Wiederaufbau und Wohlstand stieg auch die Lust der Deutschen auf Sex. Von 54 Millionen Westdeutschen waren acht Millionen Bezieher von Produkten der «Ehehygiene». 1962 soll bereits die Hälfte von ihnen Erotikversand-Kunden gewesen sein. Weil die Uhse ihre Bedürfnisse persönlich ansprach und die Respektablität ihres Unternehmens betonte, profitierte sie besonders von den Entwicklungen in der Branche. Dazu passt auch, dass rund 30 Prozent ihrer Kundschaft Frauen waren: ein für jene Zeit erstaunlich hoher Wert.

Staatsanwalt: «Sie soll lieber Pullover stricken!»

Auch vor Gericht wurde Uhse schon 1953 bescheinigt, dass «die Angeklagte auf das Gericht einen guten Eindruck gemacht [hat]. Sie tritt frei auf und beschönigt nichts.» Bei einer polizeilichen Durchsuchungen wegen des Verdachts der Jugendgefährdung oder der Obszönität hat ihr die Polizei laut Autorin Heinemann sogar angeboten, die Fronten zu wechseln: Es fehle ihnen an klugen und dynamischen Beamtinnen. Dass sie als Frau ein Erotikgewerbe führe, war dagegen vor Gericht kaum Thema. Nur anfangs habe ein Staatsanwalt ihr geraten, sie solle «ihr schmutziges Geschäft aufgeben und für den Unterhalt der Familie sorgen, indem sie Pullover strickt».

Mit dem Aufkommen der Pille 1961, mit der Verbreitung von Massenmedien und mit ihrer Autobiographie von 1963 festigte Beate Uhse ihren eigenen Mythos weiter und bemüht im Katalog jenes Jahres gar das Grundgesetz und das darin enthaltene Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. 1962 gründete sie den ersten Sexshop der Welt in Flensburg: Eigentlich wollte sie so nur die Touristenströme ablenken, die zu ihrer Firma pilgerten. In Ihrem Buch, das einen exzellenten Marketingschachzug gleichkam, griff sie ihren Kampf gegen die Prüderie auf und stilisierte sich zur fliegenden Vorkämpferin der liberalen Sexualität.

Tennisclub-Absage wegen «allgemeiner Bedenken»

So liess sie etwa den Flensburger Tennisclub alt aussehen, der ihre Aufnahme wegen «allgemeiner Bedenken» ablehnte. Bis 1992 soll über 2000 Mal Anzeige gegen sie gestellt worden sein. Doch die Unternehmerin «perfektionierte sehr bald die Kunst, einen guten Eindruck zu hinterlassen», schreibt Autorin Elisabeth Heinemann. 1965 adelte sie der «Spiegel» so: «Im Zweiten Weltkrieg flog sie für die deutsche Luftwaffe Jagdmaschinen vom Typ Me 109 und Fw 190, den Sturzkampfbomber Ju 87 und den Strahljäger Me 262. Nach dem Krieg half sie dem deutschen Volk, den siebten Himmel anzusteuern.»

Viele spannende Geschichten bieten sich hier also dem ZDF an, um einen anständigen Sonntagabendfilm über eine Powerfrau zu machen. Die trennte sich übrigens 1972 von ihrem zweiten Mann, überstand 1983 eine Magenkrebsbehandlung und wurde 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz gehört – alle früheren Klagen zum trotz. Nach der wende verteilte sie ihre Kataloge im unterversorgten Osten und brachte der firma einen zweiten Frühling. 1999 machte Flensburg sie zur Ehrenbürgerin, bevor sie 2001 in St. Gallen an einer Lungenentzündung starb.

Ein «Center TV»-Beitrag zu Beate Uhse. Quelle: YouTube

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