Jahr des Hungers: Als die Flüchtlinge Schweizer waren
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Jahr des HungersAls die Flüchtlinge Schweizer waren

1817 flohen zahlreiche Schweizer vor dem Hunger in der Heimat. Ihre Ziele waren Nordamerika und Russland.

von
Rolf Maag
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Im April 1815 brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus und setzte enorme Mengen vulkanisches Material frei.Die Folge waren Temperaturstürze und Überschwemmungen in vielen Weltgegenden. 1816 ging als «Jahr ohne Sommer», 1817 als «Jahr des Hungers» in die Geschichte ein.

Im April 1815 brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus und setzte enorme Mengen vulkanisches Material frei.Die Folge waren Temperaturstürze und Überschwemmungen in vielen Weltgegenden. 1816 ging als «Jahr ohne Sommer», 1817 als «Jahr des Hungers» in die Geschichte ein.

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Der russische Zar Alexander I. half der darbenden Schweiz mit Getreidelieferungen und einer Spende von 100'000 Rubeln. Einwanderern bot er äusserst günstige Konditionen.

Der russische Zar Alexander I. half der darbenden Schweiz mit Getreidelieferungen und einer Spende von 100'000 Rubeln. Einwanderern bot er äusserst günstige Konditionen.

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Mit der Industrialisierung kamen immer mehr Einwanderer in die Schweiz, weil es hier Arbeit gab. 1888 wanderten erstmals mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus ihr emigrierten. Im Bild sind italienische Arbeiter beim Bau des Gotthardtunnels zu sehen.

Mit der Industrialisierung kamen immer mehr Einwanderer in die Schweiz, weil es hier Arbeit gab. 1888 wanderten erstmals mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus ihr emigrierten. Im Bild sind italienische Arbeiter beim Bau des Gotthardtunnels zu sehen.

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Im Sommer des Jahres 1817 wurde es eng in den Strassen von Amsterdam und anderen holländischen Städten. Tausende von Menschen drängten sich dort in der Hoffnung, ein Schiff besteigen zu können, das sie in die Neue Welt bringen würde. Die meisten von ihnen stammten aus Süddeutschland, dem Elsass und der Schweiz.

Viele hatten ihr letztes Geld «Reisevermittlern» übergeben, die den Transport den Rhein hinab nach Holland organisierten und sich dabei eine goldene Nase verdienten. Auch die Eigentümer und Kapitäne der Schiffe, die nach Amerika segelten, machten erheblichen Profit. Doch für die meisten Auswanderungswilligen sollte sich der Traum von einem neuen Leben als Illusion erweisen.

Ein Vulkanausbruch in Indonesien

In die Flucht getrieben hatten diese Menschen Wetterkapriolen, deren Ursache eine Naturkatastrophe im fernen Asien war. Im April 1815 brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Dabei wurden etwa 150 Kubikkilometer vulkanisches Material ausgestossen. Höhenwinde verteilten die Gas- und Schwebepartikel weltweit.

In Westeuropa waren die Folgen erst im folgenden Jahr zu spüren: Die Temperaturen stürzten ab, massive Regenfälle führten zu Überschwemmungen, die Ernten wurden grösstenteils vernichtet. Die Jahre 1816 und 1817 gingen daher als «Jahr ohne Sommer» und «Jahr des Hungers» in die Geschichte ein.

Elend in der Ostschweiz

Wie verzweifelt die Situation besonders in der Ostschweiz war, zeigt ein Zitat von Ruprecht Zollikofer, einem der Initiatoren der im September 1816 gegründeten «Hülfsgesellschaft in St. Gallen»: «Circa 12'600 Bewohner der Kantone St. Gallen und Appenzell waren innert Jahresfrist verstorben. Wenigstens 5000 waren als Opfer des grossen Zeiternstes, des Hungers und Mangels und namenlosen Elendes gefallen. Circa 5300 Kinder nur waren geboren; circa 950 Ehen wurden eingesegnet. Circa 7400 Menschen waren reiner Verlust.»

Die Grenzen werden geschlossen

Die als Folge der Hungerkrise entstandenen Probleme der Massenbettelei und der Eigentumskriminalität verlagerten sich im Sommer 1817 nach Holland, weil die dort Gestrandeten meist mittellos waren und nur selten Arbeit fanden. Die Behörden gingen daher zu einer restriktiven Praxis über: Wer keinen Ausweis und kein Geld hatte, wurde an den Aussengrenzen abgewiesen.

Die Schweizer, denen es nicht gelungen war, auf einem der Schiffe nach Amerika unterzukommen, hatten vergleichsweise Glück: Der schweizerische Konsul stellte den Enttäuschten einen «Heimatschein» aus und gewährte ihnen für die Heimreise ein Überbrückungsgeld. Den Deutschen erging es viel schlechter, da sich ihre Herkunftsländer nicht um sie kümmerten. Die Württemberger mussten sogar vor der Auswanderung auf ihre Staatsbürgerschaft verzichten.

Traumziel Russland

Der russische Zar Alexander I. genoss in der Schweiz einen ausgezeichneten Ruf, weil er mit Getreidelieferungen und einer Geldspende von 100'000 Rubeln zur Linderung der Not in den Hungergebieten beigetragen hatte. Doch nicht nur deshalb entschlossen sich viele Schweizer, ihr Glück in seinem Reich zu versuchen.

Einerseits war Russland von den Folgen des Vulkanausbruchs weitgehend verschont geblieben. Andererseits lockte es Einwanderungswillige mit Vergünstigungen: kostenloses Land, Reisegeld und Startkapital, zinslose Kredite zum Hausbau und Steuerfreiheit bis zu 30 Jahren. Im «Neurussland» genannten Gebiet zwischen der Schwarzmeerküste und dem Kaukasus entstanden zahlreiche deutschsprachige Gemeinden, die sich selbst verwalten durften.

Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland

Die Auswanderung aus der Schweiz blieb das ganze 19. Jahrhundert über auf einem hohen Niveau. Die meisten Emigranten waren Bauern, die aufgrund günstiger Getreideimporte aus Osteuropa und Übersee ihre Existenzgrundlage verloren hatten. Noch im Jahrzehnt von 1881 bis 1890 verliessen 90'000 Menschen ihre Heimat.

Doch auch das umgekehrte Phänomen wurde immer bedeutsamer. Das sich schnell industrialisierende Land benötigte Arbeitskräfte, und diese waren vor allem im letzten Viertel des Jahrhunderts aufgrund zahlreicher bilateraler Abkommen mit den Nachbarstaaten problemlos zu bekommen. Zunächst kamen vor allem Deutsche, mit dem Bau des Gotthardtunnels zunehmend Italiener. 1888 war ein epochales Jahr: Erstmals wanderten mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus ihr emigrierten. Die Schweiz war nun ein Einwanderungsland – und ist es seither geblieben.

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