Mundart-Newcomer Kaufmann : «Als die Leute mitsangen, kriegte ich Panik»
Aktualisiert

Mundart-Newcomer Kaufmann «Als die Leute mitsangen, kriegte ich Panik»

Der Churer Musiker Kaufmann meldet sich mit einer EP zurück. Uns hat der neue Mundart-Held erzählt, wie der Erfolg ihn in eine Negativspirale getrieben hat.

von
Stephanie Vinzens

Der Singer-Songwriter aus Chur und seine Band performen den Song «Norwegischi Chrona» live am Openair St. Gallen 2018. (Video: Youtube)

Gerade ist deine EP «Dr Chüalschrank isch leer» erschienen. Deine ersten neuen Songs nach eineinhalb Jahren. Hast du grossen Druck verspürt, wieder abzuliefern?

Erstaunlicherweise nicht. Das wäre vor einem halben Jahr noch anders gewesen. Aber jetzt weiss ich, dass ich niemandem gerecht werden muss.

Was war damals noch anders?

Ich habe den ganzen Zirkus viel zu ernst genommen, das Musikbusiness und den Medienrummel. Bevor ich mein Debüt veröffentlicht habe, hatte ich nie auch nur ansatzweise Aufmerksamkeit für meine Musik bekommen. Plötzlich lief ich auf SRF3, war Vorband für Hecht, spielte am Openair St. Gallen – das hat mich überrumpelt. Ich hatte mit Selbstzweifeln zu kämpfen.

Der Erfolg hat dich nicht bestätigt?

Nein. Ich fühlte mich total fehl am Platz und fand, dass alle anderen es mehr verdient hätten. Der Gedanke hat mir in den schönsten Momenten die Luft zugeschnürt. Als die Leute meine Songs mitgesungen haben, kriegte ich Panik. Ich verspürte einen Würgereiz und konnte mich kaum noch bewegen.

Was ging dir in solchen Momenten durch den Kopf?

Dass ich einfach weg will. Zurück in mein Zimmer. Niemanden mehr sehen. Ich befand mich in einer Negativspirale. Jetzt ärgere ich mich, dass ich es nicht genossen habe. Gleichzeitig war es vielleicht auch nötig. Ich war dadurch gezwungen, mich intensiv mit mir selbst auseinander zu setzen.

Was war deine Erkenntnis daraus?

Dass es völlig ok ist, wenn wir nicht mit dem verrückten Tempo unserer Gesellschaft mithalten. Mir hilft auch der Gedanke, dass nicht alles so gross und wichtig ist, wie wir zunächst meinen. Dass wir alle unglaublich klein sind und alles eigentlich unbedeutend ist. Wichtig ist, dass ich Freude an meiner Musik habe. Ich muss weder gefallen, noch mich verstellen.

Die EP ist nach einer Zeile aus deinem Song «So müad» benannt. Wieso hast du dich für diesen Titel entschieden?

Ich habe irgendwo mal gehört, dass man den Gemütszustand eines Menschen an seinem Zimmer ablesen kann. Ich denke, so ist es beim Kühlschrank auch. Wenn dieser leer ist, ist auch die Seele leer.

Hast du dich so gefühlt?

Ja. In dem Song habe ich versucht zu beschreiben, wie sich meine Depressionen anfühlen. Ich war weder traurig, noch glücklich. Ich hab einfach nichts gefühlt.

Wie ist es für dich, derart offen über deine psychischen Probleme zu sprechen?

Anfangs hatte hatte ich Schiss, dass alle finden: «Ach, was jammert der wieder rum». Aber es fühlte sich total befreiend an. Für viele Leute war es vorher nämlich selbstverständlich, dass es mir gut gehen muss – weil ich ja auf der Bühne stehen und auf Tour gehen kann.

Wie waren die Reaktionen schliesslich?

Viele haben mir von ihrer Leidensgeschichte geschrieben. Da wurde mir nochmals klar, wie präsent das Thema in unserer Gesellschaft ist. Und wie tabuisiert. Vor allem auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin, wird man schnell als Schwächling oder Psycho abgestempelt.

Wie war das für dich?

Vor allem in jungen Jahren sehr schwierig. Man hielt mich immer für einen faulen Sack. Niemand kam darauf, dass meine Antriebslosigkeit einen anderen Grund haben könnte.

War die Musik deine Art, dies zu verarbeiten?

Das Texten allgemein. Schon als Kind habe ich meine negativen Gedanken einfach aufs Papier geschrieben – weil ich nie jemandem davon hätte erzählen können. Noch heute schreibe ich viel in meine Notizbücher, manchmal entsteht dann – wie bei «So müad» – ein Song daraus.

Singst du deshalb in Mundart?

Früher schrieb ich noch englische Texte, hinter denen konnte ich mich eher verstecken. Wenn ich auf Schweizerdeutsch über Depressionen singe, ist das direkter. Für den Zuhörer vielleicht sogar unangenehm. Genau dann macht man sich aber Gedanken darüber.

Folgt auf deine EP bald ein zweites Album?

Ich schreibe auf jeden Fall an neuen Songs, lasse mir aber bewusst Zeit dafür. Wir werden nächstes Jahr sicher mit den Aufnahmen beginnen. Das Album wird dann hoffentlich Ende Jahr oder Anfang 2021 fertig sein.

Kaufmann tauft heute Abend seine EP im Club Zukunft in Zürich.

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