Banken-Kollaps: Als die Thuner ihre Bank stürmten
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Banken-KollapsAls die Thuner ihre Bank stürmten

Bankenbankrott in der Schweiz? - Undenkbar, sagten sich auch die Kunden der Spar- und Leihkasse Thun im Jahr 1991. Dann verloren sie auf einen Schlag praktisch ihr gesamtes Vermögen. Ein Betroffener, dem angesichts der aktuellen Ereignisse die Erinnerungen wieder hochkommen, erzählt.

von
Adrian Müller

Die Bilder vom 4. Oktober 1991 gingen um die Welt: Eine Menschentraube steht vor den Pforten der Spar- und Leihkasse Thun SLT und will ihr Erspartes retten. 71 Fernsehteams aus aller Welt stehen im Einsatz, um die dramatischen Bilder festzuhalten. Mit der Pleite beginnt für 6300 Sparer der Kampf um ihr Geld. Die Bilder gleichen den aktuellen Ereignissen in den USA, wo Angestellte ihr Hab und Gut aus den Banken-Büros abtransportieren.

«Uns haben alle im Stich gelassen»

Tausende Personen und Firmen erschütterte die Pleite in ihren Grundfesten. R. S. * verlor damals viel Geld. Die Banken-Pleiten lösen bei ihr gemischte Gefühle aus: «Wir haben noch heute am Bankrott der SLT zu kauen», sagt sie mit bedrückter Stimme. Doch eigentlich habe sie das Kapitel abgeschlossen, das Geld sei abgeschrieben. «Damals haben wir alle gehofft, dass für uns noch etwas übrig bleibt - vergebens».

Für Hans Ulrich Gerber, ehemaliges Mitglied des Gläubigervereins der SLT, bedeutete die Pleite damals «ein Schlag ins Gesicht». Seine Firma habe damals 40 Prozent des gesamten Kapitals verloren. «Wir dachten alle, eine Grossbank werde die SLT schon retten. Doch schlussendlich haben uns alle im Stich gelassen.» Seine Firma erlebte jedoch eine grosse Solidarität: «Dank dem Goodwill der Banken konnten wir das Geschäfts weiterführen», betont er. Das Unternehmen konnte sich wieder fangen. Das Kapitel SLT sei schon lange geschlossen. Zahlreiche ältere Leute hätten jedoch ihre ganze Pensionskasse verloren: «Viele Thuner Lehrer hatten ihr Vermögen bei der SLT angelegt», erklärt Gerber. Sie müssen die aktuelle Banken-Krise nicht mehr mit ansehen: «Viele sind mittlerweile gestorben», sagt Gerber.

Immobilien-Geschäft als Totengräber

Die kleine Regionalbank hatte sich mit Immobilienfinanzierungen übernommen und war schlecht auf den Einbruch der Liegenschaftspreise vorbereitet. Noch ein halbes Jahr vor dem Kollaps feierte die SLT mit Stolz ihr 125jähriges Bestehen. Insgesamt vernichtete der Konkurs über 220 Millionen Franken an Privat- und Geschäftsvermögen. Die Pleite der SLT blieb zwar ein Einzelfall, doch die dramatischen Einbrüche im Immobilienmarkt brachten damals viele Banken in gefährliche Schieflage – wie jetzt die Banken in den USA.

(Mitarbeit: Willi Helfenberger)

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