05.03.2020 17:55

Mordfall Ganterschwil

Als er nach Schüssen noch zuckte, griff er zum Messer

Ein Mann (36) wurde im Herbst 2015 auf einem Feldweg in Ganterschwil SG erschossen. Danach feierten die Täter im Bordell. Nun standen sie vor Gericht. Das Urteil steht noch aus.

von
20M

Auslöser für die Geschehnisse war die gescheiterte Beziehung des 34-jährigen Mazedoniers F.S.* zu einer Frau, bei der er vorübergehend in Ganterschwil wohnte. Er habe sie heiraten wollen, um weiterhin in der Schweiz bleiben zu können, sagte der Staatsanwalt am Donnerstag vor Gericht.

Doch die Frau entschied sich für einen früheren Lebenspartner A. V.*, einen 36-jährigen Slowaken, der wegen Einbrüchen zeitweise in Haft sass. Wenige Tage, nachdem dieser Mann aus der Haft zurückgekehrt und wieder bei der Frau eingezogen war, kam es zur Tat.

Der Vorsatz dazu habe sich kontinuierlich aufgebaut, sagte der Staatsanwalt. Er schilderte, wie sich der Mazedonier von einem Kollegen nach Ganterschwil fahren liess. Bei sich trug er eine Pistole, die er von seinem ebenfalls angeklagten Gehilfen bekommen hatte. Auf einem Feldweg traf er auf M.W.* und deren Lebenspartner.

Tatbeteiligung bestritten

Der Beschuldigte F.S.* sagte an der Verhandlung nicht aus. Er habe in der Untersuchung nach anfänglichen Zugeständnissen eine radikale Kehrtwende vollzogen und danach die Beteiligung bestritten, stellte der Staatsanwalt fest. Für den Tatablauf stützte sich die Anklage deshalb auf Zeugenaussagen sowie auf die Ergebnisse der Spurensicherung ab.

Danach sei der Mazedonier mit der Waffe in der Hand aus dem Auto gestiegen und habe neun Schüsse auf den Slowaken abgefeuert. Weil er geglaubt habe, das Opfer, das im Todeskampf noch zuckte, lebe noch, sei er zum Auto zurückgekehrt, habe sich vom Kollegen ein Messer geben lassen und es dem Mann bis zum Heft in die Brust gestossen. Danach seien er und sein Gehilfe davongefahren und am gleichen Abend in einem Bordell am Bodensee gelandet. Wenige Stunden später wurden sie verhaftet.

Der Mazedonier habe krampfhaft einen Weg gesucht, um in die Schweiz bleiben zu können. Er habe nicht gearbeitet, aber überall angegeben, er handle mit Luxusautos oder Diamanten, sagte der Staatsanwalt. Dann sei der Plan, «eine fremdenpolizeiliche Ehe» einzugehen gescheitert.

Mit der Tat habe er seinen lästigen Nebenbuhler loswerden wollen. Es habe sich um eine eigentliche Hinrichtung «aus reiner Tötungslust» gehandelt. Der Staatsanwalt forderte wegen Mord und anderen Delikten wie etwa Raub eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren. Der Kollege soll wegen Gehilfenschaft zu einer vorsätzlichen Tötung zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt werden.

Unfaires Verfahren

Der Verteidiger des Mazedoniers hatte bereits am ersten Verhandlungstag die Untersuchung kritisiert und die Einstellung des Verfahrens verlangt. Im Plädoyer erneuerte er die Vorwürfe.

Die erste Pflichtverteidigerin habe seinen Mandanten ungenügend verteidigt. Diese Mängel hätten sich bereits in den ersten Stunden nach der Festnahme ausgewirkt.

Er monierte ein unfaires Verfahren. So fehlten zahlreiche Beweisaufnahmen, die seinen Mandanten hätten entlasten können. Das Gericht habe die Frau als entscheidende Zeugin nicht einvernommen. Es gebe erhebliche Zweifel an der Schuld seines Mandanten. Der Gehilfe sei ebenfalls involviert gewesen.

Für die bisher rund 1600 Hafttage forderte er eine Genugtuung von rund 500'000 Franken. Angesichts der medialen Vorverurteilung brauche es Mut für einen Freispruch, hielt der Verteidiger am Schluss seines Plädoyers fest.

Das Kreisgericht Toggenburg verhandelte den Fall aus Sicherheitsgründen unter Polizeischutz im Kantonsgericht in St. Gallen. Das Urteil wird in den nächsten Tagen bekanntgeben.

*Name der Redaktion bekannt

(20M/sda)

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