Unvergessene EM-Momente: Als Frei auf sein eigenes Ansehen spuckte
Aktualisiert

Unvergessene EM-MomenteAls Frei auf sein eigenes Ansehen spuckte

Alex Frei ist einer der besten Torschützen, die die Schweiz je hatte. Dass er nicht zum Nationalhelden taugt, zeigte sich an der EM 2004 in Portugal.

von
Lukas Egli

<b>Am Nullpunkt der Schweizer Fussballgeschichte:</b> Frei rotzt Gerrard nach einem Rempler auf den Rücken.

Was für eine Bilanz: In seinen zehn Jahren und 84 Spielen als Stürmer der Schweizer Fussballnationalmannschaft hat Alex Frei 42-mal getroffen. In jedem zweiten Spiel ein Tor. Damit ist er unerreichter Rekord-Torschütze. Zweiter ist weit abgeschlagen Kubilay Türkyilmaz, der eine Dekade vor Frei spielte und 34 Tore erzielte. Kein Spieler der Neuzeit hat so viel zum internationalen Auftritt der Schweizer beigetragen wie Alex Frei – denn «wer gewinnen will, muss Tore schiessen», wie Gilbert Gress so schön sagt.

Doch was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie Alex Frei hören? Denken Sie an seine grandiosen Momente, als er für die Schweiz gegen Italien, Frankreich oder die Türkei seinen unglaublichen Torinstinkt unter Beweis stellte? An seine tollen Jahre als Stürmer bei Rennes, wo er 54-mal traf und 2004/05 als erster Schweizer Torschützenkönig der Ligue 1 wurde? An seine Zeit bei Borussia Dortmund, wo er 36-mal jubeln durfte? Oder an seine Zeit beim FC Basel, wo er seit 2009 bereits 66 Tore auf dem Zähler hat?

Der neutrale Eidgenosse, ein hinterlistiger Typ?

Nein, Sie denken an die unschönste Szene in der Geschichte des Schweizer Fussballs – an jenes Spiel am 17. Juni 2004 in Coimbra an der EM in Portugal, das eine mittlere Staatsaffäre auslöste. Als der Schweizer Superstürmer nach einem deftigen Rempler des englischen Mittelfeldregisseurs Steven Gerrard das ultimative Foul beging.

Als sich Frei nach dem Schubser wieder aufgerappelt hat, trabt er langsam auf seinen Gegner zu. Ihre Blicke treffen sich, es folgt ein weiterer kleiner Rempler, Schulter an Schulter. Hinter Gerrard dreht sich Frei kurz um und spuckt seinem Gegner einen langen Strahl Speichel an den Rücken. Dieser langt sich an den Nacken und wirft dem Schweizer einen fragenden Blick nach. Es ist die Szene, die sich für immer eingebrannt hat.

An diesem unseligen Abend wird die Schweiz diskussionslos 3:0 und auch einen Teil ihrer Unschuld verlieren. Was für eine Peinlichkeit! Der kleine, neutrale Eidgenosse, ein hinterlistiger Typ?

Freis Ruf ist ruiniert

Es ist eine Szene, die nicht hat sein dürfen. Sofort streitet Frei ab, Gerrard angerotzt zu haben. Er habe ihm bloss ein «unschönes französisches Wort» nachgeworfen, wehrt sich der Ausnahmekönner via Pressesprecher des Schweizer Fussballverbands. Dies, nachdem das ZDF Bilder gezeigt hatte, die vermuten liessen, dass es zu einer Speichelattacke gekommen war.

Freis dreiste Lüge übersteht ein erstes Disziplinarverfahren der Uefa, die ihn freispricht – bis das Schweizer Fernsehen Aufnahmen aus einer anderen Perspektive zeigt, die seine Schuld eindeutig belegen. Das Verfahren wird wieder aufgenommen, Frei für 15 Tage gesperrt, die «NZZ» spricht von einem «Schmierenstück». Freis Ruf, der ausserhalb von Basel nicht immer makellos war, ist ruiniert. Und die Schweiz hat einen Helden weniger.

«Fairness und Anstand»

Die damalige Diskussionen, ob das SF die inkriminierenden Bilder überhaupt hätte zeigen sollen, erscheint angesichts der aktuellen Debatte über manipulierte Bilder von der Euro 2012 in Polen und der Ukraine absurd.

Als Alex Frei im April 2011 entnervt seinen Abschied von der Nationalmannschaft gab, weil die Kritik an ihm anhaltend gross geblieben war, dankte er «allen Fans, die hinter mir gestanden haben, auch jenen, die kritisch waren, aber die Grenzen der Fairness und des Anstands nicht überschritten haben».

Fairness? Anstand? Das hätte er sich acht Jahre vorher überlegen müssen.

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