Versuchte Frauentötung: «Als ich die Wahrheit herausfand, wollte er mich töten»
Publiziert

Versuchte Frauentötung«Als ich die Wahrheit herausfand, wollte er mich töten»

Jede Woche überlebt eine Frau einen Tötungsversuch, einen sogenannten versuchten Femizid. 20 Minuten gibt diesen Frauen eine Stimme. Eine von ihnen ist Tanja (38). Anfang 20 lernte sie Stefano kennen. Später fand sie heraus, dass nicht nur sein Name eine Lüge war.

von
Anja Zingg
1 / 1
Tanja (38): «Beim Lieferdienst nannte er einen anderen Namen, da wurde ich misstrauisch.»

Tanja (38): «Beim Lieferdienst nannte er einen anderen Namen, da wurde ich misstrauisch.»

Privat

Darum gehts

  • Laut eidgenössischem Gleichstellungsbüro erfolgt jede Woche ein Tötungsversuch an einer Frau.

  • Angst und Scham halten die Frauen ab, ihre Geschichte zu erzählen.

  • Fünf von ihnen wollen ihr Schweigen brechen und erzählen bei 20 Minuten, was sie erlebt haben.

  • Eine davon ist Tanja (38).

  • Ihr Partner führte ein Doppelleben, als sie es herausfand, ging er auf sie los.

Tanja (38) hat einen Masterabschluss, ist alleinerziehende Mutter und ein direkter Mensch. Sie lasse sich nicht mehr herumschubsen, sagt sie von sich selbst. Wenn sie von ihrer Beziehung mit Stefano erzählt, blitzt Wut in ihrer Stimme auf.

«Als ich ihn kennenlernte, stellte er sich als Stefano vor. Ich war damals 22 und er um einiges älter. Wir hatten eine toxische Beziehung: viel Streit, Auf und Abs und er wurde mir gegenüber auch handgreiflich. Doch das Ausmass war mir nicht bewusst.

Ich studierte in der Stadt, in der Stefano Wochenaufenthalter war. Ich war gerade frisch getrennt, stand am Anfang meines Jus-Studiums und war etwas verloren in dieser neuen Stadt, weit weg von meinem gewohnten Umfeld. So erkläre ich mir, wie ich in diese Beziehung reinrutschen konnte.

Stefano war in der IT tätig und stand mit beiden Beinen im Leben, so hatte ich den Eindruck. Wir sahen uns von Montag bis Freitag, aber die Wochenenden verbrachte er in einem anderen Kanton. Zu Beginn hat mich das nicht gross gestört. Doch immer öfters stritten wir, weil ich gerne auch mal ein Wochenende mit ihm verbringen wollte.

Zur Serie

Fünf Frauen berichten

Jede Woche überlebt eine Frau in der Schweiz einen Femizidversuch. Ein Femizid bezeichnet die Tötung aufgrund des Geschlechts. 20 Minuten hat mit fünf Frauen gesprochen, die dem Tod nach einem solchen Angriff knapp entronnen sind. Das sind ihre Geschichten:

Eines Tages passierte etwas Komisches: Wir waren bei mir zu Hause und entschieden, Pizza zu bestellen. Aber Stefano nannte dem Lieferdienst einen anderen Namen. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er lapidar: Er wolle einem Wildfremden nicht seinen echten Namen verraten.

Tod der Frau war gelogen

Ab da wurde ich misstrauisch. Und eines Tages machte mir Stefano wirklich ein Geständnis: Er sagte, sein Name laute anders. Seine Frau sei bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, er habe einen Sohn, der unter der Woche bei einer Nanny sei. Aber mich überzeugte die Geschichte nicht ganz. Online suchte ich nach dem Flugzeugabsturz, bei dem seine Frau angeblich starb, aber ich fand nichts.

Mit Hilfe von Freunden fand ich dann seinen richtigen Namen heraus und ich erfuhr, dass seine Frau lebte und mit dem zweiten Kind schwanger war. Mir zog es den Boden unter den Füssen weg. Was noch dazu kam: Ich selber war ebenfalls schwanger von Stefano.

Kiefer- und Nasenbruch

Als ich ihn zur Rede stellte, rastete er komplett aus. Er packte ein Messer und ging auf mich los. Beim Kampf fiel das Messer zu Boden und er brach mir zum Glück “nur” den Kiefer und die Nase. Im Spital wurde ich dann an die Rechtsmedizin verwiesen. Doch dazumal war die Gesetzeslage anders und es handelte sich nicht um ein Offizialdelikt, das Strafverfahren verlief im Sande. Stefano wurde nie verurteilt. Mein Jura-Studium brach ich ab, ich war so enttäuscht vom Schweizer Rechtssystem.

Trotz dieser Nacht brauchte ich mehrere Anläufe, um mich von Stefano zu trennen. Auf sein Drängen hin, unterzog ich mich einem Schwangerschaftsabbruch. Rational gesehen war es der richtige Weg, doch emotional verfolgt mich die Entscheidung bis heute. Heimlich kündigte ich meine Wohnung und zog in einer Nacht und Nebel Aktion zurück zu meinen Eltern. Aber noch Jahre später versuchte er mich zu kontaktieren und stalkte mich. Seit fünf Jahren lässt er mich in Ruhe.»

Um die Frauen zu schützen wurden einige Punkte in ihrer Biografie geändert.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung