Aktualisiert 20.12.2010 17:04

Genfer Gipfel 1985Als Kurt Furgler russisch sprach

Ein «dickschädeliger Bolschewik», ein «Dinosaurier» und mitten drin ein St. Galler – vor 25 Jahren wurde in Genf das Ende des Kalten Kriegs eingeläutet.

von
Peter Blunschi
Ronald Reagan und Michail Gorbatschow bei ihrer ersten Begegnung am 19. November 1985 in Genf.

Ronald Reagan und Michail Gorbatschow bei ihrer ersten Begegnung am 19. November 1985 in Genf.

Ein Vertrauter von US-Präsident Ronald Reagan hatte es prophezeit: «In den ersten drei Minuten wird sich entscheiden, ob dieser Gipfel ein Erfolg wird.» Wenn sein Chef das Gefühl habe, mit «diesem hier» könne er reden, dann stünden die Chancen durchaus günstig, zitierte ihn der «Spiegel». Am Ende sprach Reagan mit «diesem hier» – dem neuen Kreml-Chef Michail Gorbatschow – insgesamt mehr als fünf Stunden unter vier Augen. Sein Pressesprecher Larry Speakes bilanzierte: «Die beiden können miteinander.»

Das war nicht unbedingt zu erwarten, denn die Vorzeichen für das Gipfeltreffen vom 19. bis 21. November 1985 in Genf waren alles andere als ideal. Es war das erste derartige Treffen zwischen den USA und der Sowjetunion seit sechs Jahren. 1979 hatten Jimmy Carter und Leonid Breschnew in Wien noch Bruderküsse ausgetauscht, doch ein Jahr später wurde Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt, ein überzeugter Antikommunist, der die Sowjetunion 1983 in einer Rede in Florida als «Reich des Bösen» bezeichnete.

Das Ende der Zombies

In Moskau herrschte derweil Stillstand, das Land wurde von kranken Greisen regiert. Auf Breschnew folgten Juri Andropow und Konstantin Tschernenko, die beide nach kurzer Amtszeit starben. Der frühere KGB-Chef Andropow hatte immerhin mit einigen zaghaften Reformen überrascht. Unter anderem förderte er einen vergleichsweise jungen, talentierten Politiker aus dem Kaukasus: Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Als mit Tschernenko der letzte der Zombie-Riege am 10. März 1985 starb, wurde der 54-Jährige zum Nachfolger als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) gewählt.

Gorbatschow realisierte, dass die marode Sowjet-Wirtschaft den von Reagan angezettelten Rüstungswettlauf nicht verkraften konnte. Er lancierte eine eigentliche Charmeoffensive Richtung Westen, empfing Journalisten und US-Senatoren und signalisierte deutlich sein Interesse an einem umfassenden Abrüstungsabkommen. Bei der US-Regierung stiess er auf Skepsis, dennoch willigte Reagan in das Gipfeltreffen ein. Der als Kriegstreiber verschriene Präsident sah die Chance, sich als «Mann des Friedens» zu präsentieren. Als Verhandlungsort einigte man sich auf das internationale Genf in der neutralen Schweiz.

Furglers grosser Auftritt

Die Stadt putzte sich heraus. Der Jet d'Eau, der um diese Jahreszeit schon abgestellt war, wurde wieder in Betrieb genommen, um den US-Fernsehsendern die passende Kulisse zu liefern. Zu einem grossen Auftritt kam Kurt Furgler, der bereits zum dritten Mal Bundespräsident war – ein Glücksfall für die Schweiz, denn keiner war als Gastgeber der beiden Schwergewichte besser geeignet als der ebenso brillante wie eloquente St. Galler CVP-Magistrat. Am Flughafen empfing er Reagan und Gorbatschow in ihren jeweiligen Landessprachen und beeindruckte damit die internationalen Medien.

Bei den eigentlichen Verhandlungen konnte Furgler nicht mitreden. Sie waren anfangs von Misstrauen geprägt. Gorbatschow erinnerte sich 20 Jahre später an den ersten Eindruck: Er habe den 20 Jahre älteren Reagan für einen «Dinosaurier» gehalten und dieser ihn für einen «dickköpfigen Bolschewiken». Doch das Eis taute im kalten Genfer November schnell, die beiden «konnten miteinander». Konkrete Ergebnisse brachte das Treffen nicht, das hatte auch niemand erwartet. Immerhin hielt die gemeinsame Schlusserklärung fest, «dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals ausgefochten werden darf».

Einigung in Washington

Beim nächsten Treffen ein Jahr später im isländischen Reykjavik scheiterte eine Einigung erst auf der Ziellinie an Gorbatschows Widerstand gegen das von Reagan initierte Raketenabwehrsystem im Weltraum, im Volksmund «Star Wars» genannt. Doch 1987 in Washington unterzeichneten die beiden Staatschefs den bislang umfassendsten atomaren Abrüstungsvertrag der Geschichte. Er sah unter anderem die Verschrottung sämtlicher atomar bestückter Mittelstreckenraketen vor, die vor allem Europa bedrohten.

Der Grundstein wurde vor 25 Jahren in Genf gelegt. «Das Treffen wurde der Anfang vom Ende des Kalten Kriegs», meinte Michail Gorbatschow später. Auch Kurt Furgler schwärmte bis zu seinem Tod vor zwei Jahren von der Begegnung mit den Grossen der Welt. Ronald Reagan war vom St. Galler offenbar so beeindruckt, dass er ihn für das kommende Jahr zu einem Staatsbesuch nach Washington einlud. Doch Furgler musste mit Bedauern ablehnen: «Dann bin ich nicht mehr Bundespräsident.» Reagan war nicht der letzte ausländische Politiker, der über die Tücken des schweizerischen Regierungssystems stolperte.

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