26.03.2016 13:14

Äthiopien

Als letzte sterben die Ziegen

Erst kam die Dürre und raffte fast alle Haustiere der Nomaden dahin. Die Ziegen überlebten – bis der Sturm kam. Ostafrika trifft der Klimawandel besonders hart.

von
Bernd Hauser

Die vier Rinder der Nomaden-Familie verhungerten zuerst. Seit über zwei Jahren blieben die Niederschläge im Landkreis Mille im Nordosten Äthiopiens fast völlig aus. Das Gras war schon lange vertrocknet. Nach den Rindern gingen die rund 100 Schafe ein. Dann starben die fünf Kamele. Sie gaben erst ein langgezogenes Brüllen von sich und verstummten dann.

Die Ziegen überlebten am längsten. Sie rupften noch das letzte Grün von den Zweigen der Dornsträucher, das andere Tiere nicht verdauen können. Aber auch sie waren abgemagert und schwach, als in einer Augustnacht vergangenen Jahres der Sturm über das Land fegte. Der Regen schlug gegen die Hütte von Fatuma Ali und Muhammed Hassan. Die Nomaden leben in abbaubaren und transportablen Unterkünften. Über ein Gerüst aus Ästen werden Tierhäute und Grasmatten gespannt.

Ziegen sind qualvoll erstickt

Im Morgengrauen sah die Familie, dass der Regen nicht die Hoffnung auf neues Leben nach der Dürre, sondern noch mehr Not gebracht hatte. Als die Eltern und ihre sechs Kinder aus der Hütte traten, entdeckten sie die toten Ziegen. Die Tiere hatten panisch versucht, Schutz vor den herabstürzenden Wassermassen zu finden, indem sie übereinander kletterten. Einige sind wohl erstickt, andere durch Erschöpfung und Auskühlung verendet. Wenige Tiere lebten noch, sie zitterten genauso wie die drei Söhne und die drei Töchter.

Dank der Glut, die die 43-jährige Mutter über die Nacht gerettet hatte, konnten sich die Kinder an einem Feuer wärmen. Der Vater beeilte sich, die Kadaver in den reissenden Strom zu schleudern, der wegen des Sturms plötzlich durch das nahe Flusstal Richtung Wüste schoss. Der 45-Jährige ahnte schon, was kommen würde: Eineinhalb Tage später war der Fluss wieder versiegt, das Tal so ausgetrocknet wie zuvor. Zwar lugten nun überall Grasspitzen aus dem Boden. Doch weil kein weiterer Regen folgte, versengte die Sonne das zarte Grün. Nach fünf Tagen war der Boden so heiss, grau und nackt wie zuvor.

Ein paar Körner für Mensch und Tier

Der Klimawandel ist für Europa eine abstrakte Gefahr. Doch am Horn von Afrika erfahren ihn die Nomaden am eigenen Leib. Die Perioden der Trockenheit werden länger, die Unwetter heftiger und häufiger. Von 190 Ziegen sind der Familie Ali sechs Tiere geblieben. Der Vater hält sie mit Getreidekörnern am Leben. «Das wenige, was wir haben, müssen jetzt Mensch und Tier teilen», erklärt er. «Denn nur wenn wir die letzten Ziegen durch die Dürre bringen, haben wir eine Chance, wieder eine Herde aufzubauen.»

Der Vater setzt seine ganze Hoffnung darauf, dass die nächsten saisonalen Regen nicht erneut ausbleiben. Aber wie die Zeit bis dahin überbrücken? «Weil das Vieh tot ist, können wir den Kindern keine Milch mehr geben», sagt die Mutter. «Und wir haben kein Geld, um Getreide zu kaufen.» Zwar verteilen die lokalen Behörden Mais. «Doch wir haben erst 15 Kilogramm pro Monat bekommen – viel zu wenig.» Deshalb gibt es in der Familie nur noch zwei Mahlzeiten am Tag – entweder Getreidebrei oder Brotfladen. «Es ist zu wenig, die Kinder verlieren an Gewicht», sagt Fatuma. «Ich muss mit ansehen, wie sie immer dünner werden.»

Eine Ziege in Äthiopien scharrt im nackten, trockenen Boden, ohne Futter zu finden.

«Menschen für Menschen Schweiz»

Der Autor ist Mitarbeiter der Organisation Menschen für Menschen Schweiz. In einem Nothilfe-Programm versorgt die NGO 4300 äthiopische Kinder unter fünf Jahren jeden Monat mit viereinhalb Kilogramm Famix, ein Nahrungszusatz aus Soja und Getreide, sowie mit einem halben Liter Speiseöl, damit sie ausreichend Nährstoffe erhalten.

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