Aktualisiert 20.02.2013 12:42

Heute vor 75 JahrenAls Rätoromanisch Landessprache wurde

Stärkung der Identität am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Mit einem überwältigendem Mehr erhob das Schweizer Stimmvolk am 20. Februar 1938 Rätoromanisch zur vierten Landesprache.

Das Rätoromanische wird in fünf Idiomen gesprochen. Für amtliche Dokumenten und in den Medien wird die 1982 geschaffene Kunstsprache Rumatsch Grischun verwendet.

Das Rätoromanische wird in fünf Idiomen gesprochen. Für amtliche Dokumenten und in den Medien wird die 1982 geschaffene Kunstsprache Rumatsch Grischun verwendet.

Keystone/AP

Wer sind sie, die im Kanton Graubünden beheimateten Rätoromaninnen und Rätoromanen? Der Sprachaktivist Peider Lansel formulierte es einst so: «Ni Italians, ni Tudaischs. Rumantschs vulains restar.» «Weder Italiener, noch Deutsche. Rätoromanen wollen wir bleiben.»

Es war ein sagenhaftes Abstimmungsergebnis an jenem 20. Februar 1938: 91,6 Prozent der Stimmberechtigten befürworteten die Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Landessprache. Nur zweimal wurde dieses Mehr übertroffen: bei der Kriegssteuer 1915 (93,3 Prozent Ja) und beim Umweltschutzartikel 1971 (92,7 Prozent).

Der einzige Makel an der hohen Zustimmung war, dass die Frauen noch nicht abstimmen durften. Indes war der Urnengang vor 75 Jahren am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ein für das Land willkommener Anlass zur Stärkung der nationalen Identität.

Die von Umwälzungen im Ausland und innenpolitischen Spannungen geprägten 1930er-Jahre schienen der politischen Elite um Bundesrat Philipp Etter geeignet, die geistige Landesverteidigung zu beschwören. Eine beispiellose Propagandaaktion sei aufgezogen worden, sagt der Engadiner Sprachwissenschaftler Rico Valär, der im April ein Buch über die Volksabstimmung herausgibt.

Schweiz bejaht geistige Grundlagen

In über 1500 Presseartikeln, Radiosendungen und Reportagen wurden Rätoromaninnen und Rätoromanen als traditionsverbundenes, wehrhaftes kleines Bergvolk dargestellt. Durch die Anerkennung des Rätoromanischen als Landessprache bejahe die Schweiz ihre geistigen Grundlagen, das Wesen und den eigentlichen Sinn des Staatsgedankens, so Bundesrat Etter.

Die Euphorie vor 75 Jahren um das Rätoromanische, das zum Kitt für die ganze Schweiz wurde, kann nicht kaschieren, dass die Romanen 90 Jahre auf die Anerkennung als Landessprache warten mussten. Weitere fast 60 Jahre zogen ins Land, bis dem Romanischen der Status als Teilamtssprache zuerkannt wurde.

Aufgewertet, aber nicht gleichberechtigt

Teilamtssprache bedeutet, dass Rätoromaninnen und Rätoromanen einen Anspruch darauf haben, in ihrer Sprache mit dem Bund zu kommunizieren. Rätoromanisch ist mithin immer noch nicht gleichberechtigt mit dem Deutschen, Französischen und Italienischen, die Amts- oder Verwaltungssprachen sind.

Die Rätoromanen sind eine kleine Sprachgruppe geblieben, etwa 60'000 Menschen sprechen es. Das Romanische bildet keinen einheitlichen Sprachblock, sondern besteht aus fünf Idiomen. Es wird mehr Serbisch und Kroatisch gesprochen in der Schweiz als Rätoromanisch, mehr Albanisch, Spanisch, Portugiesisch oder Englisch.

Rumantsch Grischun ist Tatsache

Massgeblich forcierte die Lia Rumantscha, die Dachorganisation der rätoromanischen Sprachverbände, die Anerkennung des Romanischen als Landessprache. Einen grossen Wurf legte die Lia Rumantscha letztmals 1982 auf den Tisch, als sie die rätoromanische Standardsprache Rumantsch Grischun präsentierte.

Die Kunstsprache, zu der die fünf romanischen Idiome die Bausteine lieferten, sollte Rätoromaninnen und Rätoromanen einigen, zu einem überregionalen Sprachbewusstsein führen und die bedrohte Sprache stärken.

Rumantsch Grischun zu verankern, erwies sich jedoch als schwierig. Der Bündner Erziehungsdirektor Martin Jäger sagte einmal im Kantonsparlament, dass sich die Sprache auf demokratischem Weg nicht in der Schule einführen lasse.

Trotzdem ist die Einheitssprache Tatsache. Der Kanton Graubünden publiziert in Rumantsch Grischun und auch der Bund. Das romanische Radio und Fernsehen (RTR) sendet in der Einheitssprache, die Tageszeitung «La Quotidiana» verwendet sie, und die Kantonspolizei Graubünden schreibt ihre romanischen Meldungen in Rumantsch Grischun. (sda)

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