Ehe für Alle: Hatecrimes gegen LGBTIQ-Community um das Fünffache gestiegen
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Hass gegen Queers explodiert«Als Schwuler gehöre ich vergast, schrie sie mich an»

Wenige Tage vor der Abstimmung zur «Ehe für Alle» sind die Angriffe gegen die LGBTIQ-Community auf das Fünffache gestiegen. Zwei Opfer sprechen über ihre Erlebnisse.

von
Deborah Gonzalez
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Der 25-jährige Matteo wurde am Luzerner Hauptbahnhof beschimpft: «Du bist schwul? Du solltest verbrannt oder vergast werden!», schrie eine Frau in seine Richtung.

Der 25-jährige Matteo wurde am Luzerner Hauptbahnhof beschimpft: «Du bist schwul? Du solltest verbrannt oder vergast werden!», schrie eine Frau in seine Richtung.

Privat
Das schockierte den Versicherungsmitarbeiter (rechts), der sich für die «Ehe für Alle» engagiert: «In den Augen dieser Frau habe ich den Tod verdient. Da war mir klar, dass wir in der Schweiz noch einen langen Weg vor uns haben.»

Das schockierte den Versicherungsmitarbeiter (rechts), der sich für die «Ehe für Alle» engagiert: «In den Augen dieser Frau habe ich den Tod verdient. Da war mir klar, dass wir in der Schweiz noch einen langen Weg vor uns haben.»

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Die 36-jährige Lea (links) wurde beim Flyerverteilen angegangen: «Auf einmal spürte ich einen Schlag gegen die Brust. Der Mann stand plötzlich da, hat mich angepöbelt und geboxt. Ich war schockiert!»

Die 36-jährige Lea (links) wurde beim Flyerverteilen angegangen: «Auf einmal spürte ich einen Schlag gegen die Brust. Der Mann stand plötzlich da, hat mich angepöbelt und geboxt. Ich war schockiert!»

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Darum gehts

  • Die LGBT+-Helpline gibt an, dass die Meldungen von Hassattacken gegen die queere Community kurz vor der Abstimmung vom 26. September auf das Fünffache gestiegen sind.

  • Laut der aktuellen Abstimmungsumfrage liegen die Befürworter*innen der Ehe für alle mit 67 Prozent klar vorne. Die breite Akzeptanz soll bei den Gegner*innen Aggressionen schüren, sagt Roman Heggli von Pink Cross.

  • Matteo und Lea bekamen dies zu spüren: Sie wurden beim Flyerverteilen angegriffen und massiv beschimpft.

«Auf einmal spürte ich einen Schlag gegen die Brust. Der Mann stand plötzlich da, hat mich angepöbelt und geboxt. Ich war schockiert!» Der Vorfall ereignete sich am Montag, als Lea (36) in Zürich Flyer für die Ehe für alle verteilte. So etwas sei ihr in 10 Jahren Aktivismus für queere Anliegen noch nie passiert, obwohl sie als ehemalige Präsidentin des Vereins «Zürich Pride Festival» schon einige homophobe Äusserungen gehört hat: «Was mir dieser Mann an den Kopf geworfen hat, war schon heftig.» Dinge wie «du grusige Lesbe» oder «Ich f*** dich, du Lesbe», habe der Mann immer wieder gebrüllt. Lea beschäftigt der Vorfall bis heute. Sie hat bei der Polizei Anzeige erstattet und auch die LGBT+-Helpline über den Vorfall informiert.

Was ist die LGBT+-Helpline?

Die LGBT+ Helpline ist die Beratungsstelle für alle Anliegen in Sachen LGBT+ und die Meldestelle für homo- und transphobe Gewalt. Das Beratungsangebot richtet sich an alle Menschen, welche Fragen und Anliegen zum LGBT+-Lebensumfeld haben – egal, welche sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität sie selbst haben.

Verzweiflung bei «Ehe für Alle»-Gegner*innen

Mit ihrer Meldung ist Lea nicht alleine, wie Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross weiss. In den letzten Wochen sollen sich die Hatecrime-Meldungen verfünffacht haben. Während im Normalfall ein bis zwei Meldungen die Woche eingehen, seien es nun bis zu zwei neue Fälle pro Tag. Wieso? «Die Gegner*innen der Ehe für Alle merken, dass die Akzeptanz von queeren Menschen in der Bevölkerung immer mehr vorhanden ist und die Vorlage mit 67 Prozent Zustimmung kaum mehr scheitern kann. Sie fühlen sich dadurch bedroht und wissen nicht, wie sie sich noch wehren sollen. Dies kann leicht in Aggression umschlagen», erklärt Heggli.

Dass Hassniveau sei gestiegen, berichtet der Geschäftsleiter von Pink Cross weiter: Anfangs der Abstimmungskampagne seien es vor allem heruntergerissene Plakate und angezündete Regenbogen-Fahnen gewesen, die gemeldet wurden. «Heute sind es es extreme Beleidigungen und tätliche Angriffe.» Die Sichtbarkeit der queeren Community sei den Gegner*innen ein Dorn im Auge: «Überall hängen Regenbogenflaggen, wir verstecken uns nicht mehr. Dadurch steigt die Gefahr, dass die radikalen Gegner*innen ausrastenleider», so Heggli weiter.

«In den Augen dieser Frau habe ich den Tod verdient»

Auch Matteo kennt die Angriffe: «Du bist schwul? Du solltest verbrannt oder vergast werden!» Mit diesen Sätzen wurde der 25-Jährige von einer Frau beschimpft, als er in Luzern beim Hauptbahnhof, Flyer für die «Ehe für alle» verteilte. «Ich stimme Nein, weil Gott sowas nicht will!», schrie sie. «Was hat das mit Gott zu tun? Das ist Gleichberechtigung», gab Matteo zurück. «Da verlor sie die Nerven und brüllte, dass ich es verdient hätte, vergast zu werden. Hass in einem solchen Ausmass, habe ich noch nie gespürt», sagt der Versicherungsmitarbeiter. «In den Augen dieser Frau habe ich den Tod verdient. Da war mir klar, dass wir in der Schweiz noch einen langen Weg vor uns haben.»

Skandinavische «Ehe für alle» senkte Suizidrate um 46 Prozent

Dass die Schweiz in Sachen «Ehe für alle» anderen Ländern hinterherhinkt, sei eine Tatsache, meint Andreas Pfister. Er forscht an der Hochschule Luzern zu Homophobie und psychischer Gesundheit von Queers. «Wenn es auf gesetzlicher Ebene eine Gleichstellung gibt, hat das eine enorme positive Wirkung auf die Anzahl der Gewaltübergriffe und das psychische Wohlbefinden der Betroffenen», sagt er und weist auf eine skandinavische Studie, die zeigt, dass die Öffnung der Ehe die Suizidrate unter Homosexuellen um 46 Prozent verringerte. Das Gleiche erhofft sich Pfister für die Schweizer LGBTIQ-Community: «Die Ehe für alle ist kein Randgruppen-Thema. Die ganze Gesellschaft profitiert von Toleranz und bunter Vielfalt.»

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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