Aktualisiert 26.01.2013 16:26

Seegfrörni 1963

Als selbst Pferde über den Bodensee trabten

Es war so lange sibirisch kalt, bis der Bodensee komplett zugefroren war. In diesen Wochen jährt sich das Ereignis, an das sich Generationen von Ostschweizern erinnern, zum 50. Mal.

von
rme

Nach wochenlanger Kälte ist 1963 der Bodensee ganz zugefroren – das einzige Mal im vergangenen Jahrhundert. Vom 7. Februar bis 10. März tummelten sich Zehntausende auf einem 537 Quadratkilometer grossen Eisfeld. Die Bodenseegfrörni war ein Jahrhundertereignis.

Es braucht viel, bis der weite Obersee zu einer geschlossenen Eisfläche wird. Im November 1962 fielen die Temperaturen bis auf minus 7,5 Grad, im Dezember auf minus 13 Grad. Bereits im Januar 1963 wurden auf dem Untersee Wege über das Eis freigegeben. Am 7. Februar wurde auch das Überqueren des Obersees amtlich bewilligt.

Ein riesiger Chilbiplatz

In den folgenden Wochen wurde der Bodensee zu einem Chilbiplatz für Gross und Klein. An den Wochenenden spazierten jeweils Zehntausende von Arbon TG nach Langenargen D oder von Rorschach SG nach Nonnenhorn D – nicht nur Seeanwohner: Die Seegfrörni lockte Menschen aus der ganzen Schweiz und Süddeutschland aufs Eis.

Mit Schlittschuhen, mit dem Velo oder auch mit dem Auto wurde der See überquert. Schweizer konnten sich die Seeüberquerung vom Bürgermeister von Langenargen urkundlich bestätigen lassen.

Der Heilige Johannes

Eine schöne Tradition ist der Austausch einer Büste des Heiligen Johannes. Bei jeder Seegfrörni wird sie über das Eis ins Nachbarland gebracht. Momentan befindet sich die Büste im ehemaligen Kloster Münsterlingen im Kanton Thurgau.

(Video: youtube.com)

Viel Sport und Spass

Das grosse Eis wurde auch zu einem Sportplatz. Vielerorts wurde Eishockey gespielt, vor dem Hotel Rietli in Goldach SG wurde Curling gespielt und manches Mädchen avancierte zur «Eis-Prinzessin». Die Musik zum Eislauf wurde meist ab Band gespielt, in Goldach live am Klavier, das von der «Rietli»-Bar aufs Eis getragen worden war.

Tollkühne Männer bauten Eisfahrzeuge, mit denen sie den See überquerten. In Horn TG wurde eine Vespa zu einem motorisierten Zugschlitten umfunktioniert. Das Gefährt, das Kinder zog, zerschellte in der Mitte auf dem See an einem Eishaufen, der sich aufgetürmt hatte. Verletzt wurde bei diesem Eisunfall niemand.

«Marroni-Meier» aus Rorschach SG bot seine gebratenen Edelkastanien nicht wie gewohnt beim Jakobsbrunnen feil, sondern draussen auf dem See. Ihm taten es Dutzende Glühwein- und Punchverkäufer gleich.

Auch Trauriges passierte

Den Menschen am Bodensee schien die Kälte nichts mehr auszumachen: Sie strömten auf das Eis. Das Klima im Februar 1963 war wegen der Seegfrörni angenehmer, trockener als üblich. Zudem hatte sich die Bevölkerung nach wochenlanger scharfer Kälte an die «Eiszeit» gewöhnt, wie sich der Horner Willi Langenberger (86) erinnert.

Er überquerte den zugefrorenen Bodensee 1963 dreimal: Mit dem Velo, mit den Schlittschuhen – und eben mit einem Vespa-Schlitten. Langenberger war vorsichtig; er hatte bei jeder Überquerung ein 30-Meter-Seil, einen Kompass und eine kurze Leiter bei sich.

Als Offizier der Feuerwehr Horn kontrollierte der damals 36-Jährige die Eisfläche zwischen dem Hafen und dem Hotel Bad Horn in Horn. Willi Langenberger erinnert sich an Seegförni 1963 als wäre sie gestern gewesen. Er verlor auch einen guten Freund: den damals bekannten Horner «Bahnhöfli«-Wirt Heiri Flach, der trotz eindringlicher Intervention Willi Langenbergers mit einem Velo-Solex Richtung Langenargen losfuhr und nie heimkehrte. (rme/sda)

Erinnerungen

Das Jahrhundertereignis wird rund um den Bodensee gefeiert. Bereits heute oder mit Beginn im Februar finden Ausstellungen oder Festivitäten statt: Zum Beispiel in Münsterlingen TG, Altnau TG, Hagnau D, im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen D oder in Rorschach SG.

Ausführliche Informationen zu den Seegfrörnen des Bodensees gibt es auch in diesem Wikipedia-Artikel.

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