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Bewegliche ImmobilienAls sich alles um drehende Häuser drehte

Visionäre sahen in rotierenden Häusern die Wohnform der Zukunft – weil sie es für gesund hielten, mit dem Stubensofa dem Sonnenlicht zu folgen.

von
Marius Huber

Weil der Gameboy erst später erfunden wurde, war die Autofahrt zu den Grosseltern für uns Kinder eine Tortur. Auf 100 Kilometer Langeweile kam ein einziger aufregender Moment, genau nach der Hälfte, einen Kilometer jenseits der Kantonsgrenze von Zürich und Zug. Für ein paar Sekunden kam hier etwas ins Blickfeld, das aussah, als habe ein Gigant die Brause seiner Giesskanne in die Hangflanke gesteckt. Zum Wunder machte das aber erst der Kommentar der Eltern: «Schaut, das drehende Haus.»

Und es dreht sich eben doch nicht

Das Ding bewegte sich zwar keinen Millimeter, aber für das Kind einer Kultur, die Häuser seit 12'000 Jahren für Immobilien hält, also für unbeweglich, war dennoch klar: Das ist aufregend, neu, subversiv – und auch ein wenig unheimlich. Wie die Hütte der fürchterlichen Baba Jaga, die auf Hühnerbeinen herumstakst.

Was ich damals noch nicht wissen konnte: Drehende Häuser standen tatsächlich von allem Anfang an im Spannungsfeld zwischen visionär und wahnsinnig. Schon im antiken Rom soll es einen rotierenden Bankettsaal gegeben haben, im berühmten Goldenen Haus von Kaiser Nero – und der galt ja als ziemlich crazy. Zweitausend Jahre später noch immer das gleiche Bild: Als die James-Bond-Produzenten das Drehrestaurant auf dem Schilthorn entdeckten, machten sie daraus kurzerhand die Basis von Oberbösewicht Blofeld. Genau, der mit der weissen Perserkatze.

Im Sitzen der Sonne folgen

Im 20. Jahrhundert gab es aber auch unverdächtige Visionäre, die in rotierenden Häusern die Wohnform der Zukunft sahen – weil sie es für gesund hielten, mit dem Stubensofa dem Sonnenlicht zu folgen. Oder weil die UFO-artigen Rundbauten dem Technikoptimismus der Zeit huldigten. Auch der Schreiner Laurenz Iten aus Neuheim, der in den Siebzigern mit jenem Gebäude auf Rollen folgte, das mich in Kindertagen so faszinierte.

Das Ernüchternde daran: Weil die Lage nicht so schattig war wie befürchtet, verzichtete er schliesslich auf den Einbau eines Motors. Das Drehhaus war also gar keines. Damit erübrigt sich auch jene Frage, die mich als Bub fast in den Wahnsinn trieb: Wie verhindert man, dass sich die Stromleitungen im Kern beim Rotieren hoffnungslos verknäueln? Die profane Lösung, die andere gefunden haben: Ihre Häuser können nicht endlos drehen, sondern nur ein Stück weit in beide Richtungen.

Dieser Artikel erschien im «Tages-Anzeiger» im Rahmen der Serie «Aus der Bauzone».

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