Unvergessene WM-Momente: Als Skandal-Schiri Moreno Italien besiegte
Aktualisiert

Unvergessene WM-MomenteAls Skandal-Schiri Moreno Italien besiegte

Byron Moreno war ein einfacher Schiedsrichter aus Ecuador. Dann pfiff er Italien an der WM 2002 aus dem Turnier und wurde der meistgehasste Ausländer seit Hannibal.

von
Marius Egger
Sündenbock Byron Moreno: Die italienische Presse nach dem Spiel.

Sündenbock Byron Moreno: Die italienische Presse nach dem Spiel.

2002 fand zum ersten Mal eine Fussball-WM in Asien statt. Gastgeber waren Japan und Südkorea, und die vermeintlichen Fussball-Zwerge nutzten die Gunst der Stunde: Als Gruppensieger zogen sie ins Achtelfinale ein und schrieben damit Geschichte. Doch diese WM schrieb noch eine andere, weit weniger schöne Geschichte.

«Ein skandalöser Schiedsrichter», «Schmutzige WM», «Schande! Der Schiedsrichter versenkt Italiens Nationalteam». Für die italienischen Gazzetten war nach dem Ausscheiden ihres Teams im Achtelfinale klar, wer die Schuld am Scheitern trug. «La Stampa» druckte: «Die vorgefasste Meinung von Schiedsrichter Moreno mit diesem Gesicht eines deprimierten Stiers ist abscheulich.»

Trapattonis Wutausbruch

Der Schuldige hiess mit vollem Namen Byron Moreno, Schiedsrichter aus Ecuador und Spielleiter der Partie Italien gegen Südkorea am 18. Juni 2002. Der Mann machte sich in der Verlängerung zum meistgehassten Ausländer seit Hannibal. In der 103. Minute schickt Moreno den italienischen Star Francesco Totti wegen einer angeblichen Schwalbe im Strafraum mit einer Gelb-Roten Karte vom Platz. Italien-Trainer Giovanni Trapattoni zertrümmerte darauf mit der Faust beinahe das Plexiglas hinter der Trainerbank. «Ich verstehe nicht, warum Totti vom Platz musste. Es war ein klarer Elfmeter.» Zumindest eine Schwalbe war bei dem Zweikampf nicht auszumachen (siehe Video).

Doch damit nicht genug. Kurz darauf erzielt Tommasi das vermeintliche Golden Goal – und wird durch einen Offside-Pfiff aus dem Jubel gerissen. Der erneute Fehlentscheid liess Trapattoni kochen: «Jeder hat das Spiel gesehen. Hier ging es teilweise kriminell zu.» Der Südkoreaner Ahn sorgte mit seinem Tor in der 117. Minute schliesslich für die Entscheidung.

Rot gegen Totti. (Quelle: YouTube)

Italien schäumte. Im Internet wurde das Hassobjekt weit unter der Gürtellinie attackiert. Eine Gemeinde taufte die neuen Pissoirs auf den Namen Moreno. Kritik am Unparteiischen übten aber nicht nur die Südländer. FIFA-Boss Sepp Blatter sah sich nach dem Spiel zu einer Stellungnahme veranlasst. Von jetzt an, so Blatter, werde radikal gesiebt: «Nur noch die besten Schiedsrichter weltweit werden zur WM zugelassen – unabhängig von ihrer Nationalität!»

Für Italien aber war klar: Das waren nicht blosse Fehlentscheide. Auf dem TV-Sender «Rai due» wurde nach dem Ausscheiden eine lebensgrosse Moreno-Puppe gezeigt, die sich für Geld und Nutella bestechen liess. Genährt wurde der Verdacht, Moreno habe sich die Pfiffe gegen die Italiener gut bezahlen lassen, nach der WM: Der Schiedsrichter leistete sich Ferien in Miami und fuhr einen neuen Chevrolet Corsa. Allerdings garnierte der Ref von der FIFA für seine WM-Auftritte auch rund 40 000 Franken.

Morenos nächster Skandal

In ihrem Korruptionsverdacht wurden die Italiener allerdings nur 85 Tage nach dem Ausscheiden erneut bestärkt. Da machte Byron Moreno nämlich wieder Schlagzeilen. Im Ligaspiel zwischen Liga Deportiva Universitaria Quito und Barcelona Guayaquil liess Moreno 13 Minuten nachspielen, nachdem eigentlich nur sechs Minuten vorgesehen waren. Quito kehrte in der Nachspielzeit das Spiel und siegte durch zwei Treffer noch 4:3. Im gleichen Spiel fällte der Unparteiische zwei merkwürdige Penaltyentscheide, stellte zwei Spieler vom Platz und machte von sich reden, weil er ein Tor aberkannte, das er zuvor gegeben hatte.

Moreno kandidierte zu dieser Zeit für das Stadtparlament von Quito. Sein Wahl-Slogan: «Rote Karte der Korruption.» Dem ecuadorianischen Verband war der Slogan egal, der Schiri wurde nach diesem Skandalmatch für 20 Spiele gesperrt. Die FIFA leitete ebenfalls eine Untersuchung ein, und Moreno wurde schliesslich für internationale Spiele gesperrt.

«Mein Gewissen ist rein»

Der Betroffene liess danach verlauten: «Wenn man mir internationale Einsätze verweigert, trete ich zurück». Italiens Verbandsboss Franco Carraro nahm Morenos Entscheid zufrieden zur Kenntnis: «Es ist gut, wenn dieser miserable Ref aufhört.»

Byron Moreno wurde nie der Korruption überführt. In einem Interview sagte er 2005: «Mein Gewissen war und ist rein. Die Anschuldigungen der Italiener waren bloss der Versuch, die schlechte italienische Leistung hinter einem Rauchschleier zu verbergen.»

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