Aktualisiert 01.04.2014 06:25

Zweiter WeltkriegAls US-Bomben auf Schaffhausen fielen

Vor 70 Jahren tötete die US Air Force in Schaffhausen 40 Menschen und verletzte 271 zum Teil schwer. Bis heute hält sich das Gerücht, dass die Bombardierung eine Strafaktion war.

von
J.-C. Gerber

Am 1. April 1944 kurz vor 11 Uhr heulten in Schaffhausen die Sirenen, wie so oft in jenen Jahren. Insgesamt 544-mal wurde in der exponierten Stadt am rechten Rheinufer während des Zweiten Weltkriegs Fliegeralarm gegeben, fast immer ohne Folgen. Doch dieses eine Mal war alles anders: Den Sirenen folgte das bedrohliche Brummen der Motoren von 15 US-Bombern des Typs B-24 Liberator.

Doch statt in die Luftschutzkeller zu flüchten, warteten viele Schaffhauser auf der Strasse oder am Fenster, um einen Blick auf die mächtigen Maschinen zu erhaschen. Niemand ahnte, dass in Kürze 378 Brand- und Sprengbomben auf die Stadt fallen würden. Nur 40 Sekunden dauerte der Bombenhagel um 10.58 Uhr, doch er war verheerend. 40 Menschen verloren ihr Leben, darunter 9 Frauen und 2 Kinder. 271 wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Die Schäden waren beträchtlich. 465 Menschen wurden obdachlos, 1000 Arbeiter verloren ihr Auskommen, weil ihre Arbeitsplätze in Schutt und Asche lagen.

Der Schaffhauser Historiker Matthias Wipf schätzt, dass es ein Drittel bis die Hälfte weniger Opfer gegeben hätte, wären alle Leute in die Schutzräume gegangen. In den Tagen direkt nach dem Angriff leerten sich die Strassen in Schaffhausen denn auch bei jedem Fliegeralarm blitzartig, doch der Effekt hielt nicht lange an. Wenige Wochen später herrschte bereits fast wieder Courant normal. Wenn die Sirenen ertönten, gingen die Menschen weiter ihrer Beschäftigung nach.

War es eine Strafaktion?

Es war nicht die erste und nicht die letzte Bombardierung von Schweizer Zielen durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg, aber die mit Abstand schwerste. Für die Betroffenen und die Schweizer Entscheidungsträger gab es aber keine Zweifel, dass es sich um einen tragischen Irrtum seitens der Amerikaner handelte. «Eigentlich nur Nazisympathisanten und die deutsche Presse haben damals von einer gezielten Aktion der Alliierten gesprochen», so Wipf. Die Verschwörungstheorien, wonach die USA die Schweiz für ihre Geschäfte mit den Nazis bestrafen wollten, kamen erst viel später, nämlich in den 1980er- und 1990er-Jahren auf – alle ohne stichhaltige Beweise, wie Wipf betont.

Nach heutigem Wissensstand kann die Mär von der Strafaktion guten Gewissens ins Reich der Fantasie verbannt werden. «Inzwischen freigegebene amerikanische und britische Dokumente belegen zweifelsfrei, dass sich die US-Piloten von Südengland her kommend komplett verflogen haben», erklärt Wipf. Schuld war das schlechte Wetter über dem Ärmelkanal, Frankreich und Süddeutschland. Das eigentliche Ziel der Bomberstaffel war das rund 200 Kilometer nördlich von Schaffhausen gelegene Ludwigshafen, wo die Anlagen des Chemieunternehmens IG Farben zerstört werden sollten.

Vom Kurs abgekommen

Am Morgen des 1. April 1944 waren zu diesem Zweck 1000 Flugzeuge in Südengland gestartet. Der Grossteil machte wegen des schlechten Wetters bereits über dem Ärmelkanal wieder kehrt. Nicht so die 48 Flugzeuge, die sich schliesslich nach Schaffhausen verirrten. Ausgerüstet mit einem sehr rudimentären Radar verflogen sie sich im schlechten Wetter über England und Frankreich.

«Die unerfahrenen Piloten waren bereits mehr als zwei Stunden über dem Kontinent umhergeirrt und fürchteten, nicht mehr nach Hause zu kommen», so Wipf. «Sie wollten nur noch ihre Ladung loswerden.» Als sich über dem Munot die Wolkendecke lockerte, warfen schliesslich 15 Flugzeuge ihre Bomben auf Schaffhausen ab, das sie als rechtsrheinische Stadt auf deutschem Staatsgebiet wähnten. Eine weitere Staffel warf etwa 1000 Bomben auf einem Waldstück in der Nähe ab, während die Piloten der dritten Staffel den Irrtum gerade noch bemerkten und abdrehten.

40 Millionen Dollar Entschädigung

Gegen eine Strafaktion spricht neben dem Wetter auch die Tatsache, dass auch andere Flugzeuge der IG-Farben-Mission in ihrer Verzweiflung Ausweichziele suchten und diese in Strassburg, Grafenhausen und Pforzheim fanden. Zudem wurden in Schaffhausen keine kriegswichtigen Industrien getroffen. So blieb die SIG Neuhausen, die Industriegüter nach Deutschland lieferte, von den US-Bomben verschont. « Die Amerikaner hatten ganz genaue Karten von den kriegswichtigen Industrie- und Infrastrukturanlagen, die sie treffen sollten. Hätten sie solche in Schaffhausen treffen wollen, etwa die SIG oder GF, dann hätten sie es auch zielgenau getan», ist Wipf überzeugt.

Die Reaktion in den USA lässt ebenfalls darauf schliessen, dass der Angriff unbeabsichtigt war. In den Zeitungen war zu lesen, dass die USA nun ihre Unschuld im Bombenkrieg verloren hätten. Im Gegensatz zu den Briten hätten die USA zuvor peinlichst genau darauf geachtet, nur militärische Ziele zu treffen, sagt Wipf. Schaffhausen war die erste Fehlbombardierung der US-Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg mit Todesopfern. Hohe US-Vertreter machten sich denn auch bald nach Schaffhausen und Bern auf, um den Menschen in der Stadt am Rhein und der Schweiz ihr Bedauern auszudrücken. Die Vereinigten Staaten zahlten schliesslich 40 Millionen Dollar Wiedergutmachung für ihren fatalen Irrtum.

Bericht der Schweizer Filmwochenschau zur Bombardierung von Schaffhausen. (Video: Youtube/ww2schweiz)

Augenzeugenberichte zur Bombardierung von Schaffhausen. Aufzeichnung von 1964. Dauer: 50 Minuten. (Video: Youtube/Stadtarchiv Schaffhausen)

Matthias Wipf

Der Historiker und Publizist Matthias Wipf ist in Schaffhausen geboren. In seinem Buch «Bedrohte Grenzregion: Die schweizerische Evakuationspolitik 1938–1945 am Beispiel von Schaffhausen» hat er die Situation seiner Geburtsstadt im Zweiten Weltkrieg beleuchtet.

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