Kicken auf Kunstrasen: «Als wenn der Schuh auf eine Metallplatte schlägt»
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Kicken auf Kunstrasen«Als wenn der Schuh auf eine Metallplatte schlägt»

Die Spielerinnen bei der Frauen-WM in Kanada kicken auf Kunstrasen. Eine Fifa-Entscheidung, die für Langzeitschäden sorgen kann.

von
Marieke Reimann
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Montag, 22. JuniDie Schweizerinnen unterliegen Kanada im Achtelfinal 0:1. Damit ist das Turnier für die Eidgenossinnen beendet.

Montag, 22. JuniDie Schweizerinnen unterliegen Kanada im Achtelfinal 0:1. Damit ist das Turnier für die Eidgenossinnen beendet.

AP/Darryl Dyck
Die Kanadierinnen hingegen dürfen an der Heim-WM weiterhin auf den grossen Coup hoffen.

Die Kanadierinnen hingegen dürfen an der Heim-WM weiterhin auf den grossen Coup hoffen.

AP/Darryl Dyck
Mangelnden Einsatz kann man den Schweizerinnen nicht vorwerfen.

Mangelnden Einsatz kann man den Schweizerinnen nicht vorwerfen.

AP/Jonathan Hayward

Es begann letztes Jahr: Schon im Vorfeld der Frauenfussball-WM hatten rund 50 Spielerinnen aus zwölf Nationen gegen die Fifa geklagt. Der Grund: Die Frauen-Nationalmannschaften spielen, anders als die Männer, das gesamte Turnier auf Kunstrasen.

Das sei «diskriminierend», protestierten unter anderem die US-Stürmerin Abby Wambach und die deutsche Torhüterin Nadine Angerer und reichten Klage ein. Die ist mittlerweile zwar eingestellt, doch das Problem bleibt: Kunstrasen ist gesundheitsgefährdender als Naturrasen, nur warum?

Kunstrasen staucht die Gelenke

«Kunstrasen ist vor allem härter als echter Rasen», sagt Diana Ziemke. Die Sporttherapeutin beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Problemen, die viel Bewegung auf falschem Untergrund verursachen kann. Der härtere Kunstrasen sorge für einen stärkeren Rückstoss in die Gelenke: «Durch die geringere Federung, werden die Bänder und Gelenke viel stärker belastet, die Verletzungsgefahr ist grösser.»

Man läuft mit einem normalen Fussballschuh, der an der Unterseite Stollen hat über einen Naturrasen-Platz. Die kleinen Stollen drücken sich dabei permanent in den Boden, etwa wie die Zinken einer Gartenharke, wenn man ein Beet umpflügt. Umso weicher der Boden ist, desto einfacher geht das Umpflügen des Gartens, denn umso weniger Kraft muss man mit der Harke aufwenden. Ähnlich geht es auch dem Fuss, der im Fussballschuh steckt – je weicher der Boden ist, auf dem er läuft, desto weniger Kraft braucht er, um sich zu bewegen.

Bei Kunstrasen hingegen sei es so, als wenn der Schuh permanent auf eine Metallplatte schlagen würde. «Durch den höheren Widerstand ist der Rückstoss grösser und die Gelenke werden zusätzlich gestaucht», sagt Ziemke. Da die Belastung für den Körper während einer WM durch den permanenten Trainings- und Spielablauf und den noch stärkeren psychischen Druck eh schon höher sei, «ist der Kunstrasen eine Zusatzbelastung für die Frauen, die nicht sein müsste.»

Ähnlich sieht das auch die deutsche Trainerin Silvia Neid: «Der Kunstrasen ermüdet total, das haben wir im Training schon festgestellt.» Und er sei , weil die Mannschaft «zwischen Spielorten grosse Distanzen und verschiedene Zeitzonen überwinden» müsse, eine weitere Herausforderung.

Spielerinnen, die regelmässig auf Kunstrasen spielen würden, litten viel häufiger an Zerrungen, Bänderdehnungen, Kreuzbandrissen und Knieproblemen, weiss Sporttherapeutin Ziemke. «Die geringe Dämpfung belastet den gesamten Bewegungsapparat – die Stösse gehen bis in die Wirbelsäule.» Deshalb sei es wichtig, die Regenerationsphase nach einem Turnier wie der Weltmeisterschaft zu verlängern, um explizit Langzeitschäden zu vermeiden, die sogar ein früheres Aus der Profikarriere bedeuten könnten.

Kühlpads für besseren Halt im Schuh

Zusätzlich zur geringeren Dämpfung ist aber auch die grössere Wärme des Rasens ein Problem. Am Boden können schon mal gut doppelt so viel Grad sein, wie in der Luft. Während die Spielerinnen also vielleicht bei angenehmen 23 Grad spielen, schwitzen ihre Füsse bei 46 Grad im Schuh. Dadurch rutschen die Spielerinnen im Schuh und haben weniger Grip.

Zumindest für dieses Problem hat der Schweizer Jean-Benoît Schüpbach aber eine Lösung gefunden. Er entwickelte eine Sohle, an deren Unterseite kleine Kühlpads angebracht sind. Die sollen nicht nur den Fuss kühlen, sondern auch den Druck auf die Gelenke verringern und für festen Halt sorgen. Schüpbach hat seine Erfindung mit der Schweizer-Frauennati getestet, die nun auch in Kanada mit seinen Kühl-Sohlen aufläuft.

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