Nora Illi über Burka-Verbot: «Als würde man Walfang im Zürichsee verbieten»
Aktualisiert

Nora Illi über Burka-Verbot«Als würde man Walfang im Zürichsee verbieten»

Nora Illi vom Islamischen Zentralrat kämpft gegen ein Verschleierungsverbot im Tessin. Die Nikab-Trägerin macht regelmässig Ferien in der Südschweiz.

von
Daniel Waldmeier

Frau Illi, in ein paar Tagen entscheiden die Tessiner über ein Verhüllungsverbot im öffentlichen Raum (siehe Box). Beobachter räumen der Initiative sehr gute Chancen ein. Wieso lädt der Islamische Zentralrat (IZRS) jetzt noch zu einer Pressekonferenz?

Nora Illi:Es geht darum, die Leute zu mobilisieren und ein Zeichen zu setzen. Ich trage den Nikab aus freien Stücken. Wenn ich mich identifizieren muss, im Zug oder bei einer Polizeikontrolle, zeige ich mein Gesicht. Mit einem Verbot würde mein Recht auf Selbstbestimmung massiv beschnitten. Zudem ist es ein fiktives Problem: Mir ist keine im Tessin wohnhafte Frau bekannt, die sich verschleiert. Das Verbot würde die arabische Welt vor den Kopf stossen und träfe vor allem Touristinnen aus den Golfstaaten – das ist etwa so sinnvoll, wie wenn man Walfang im Zürichsee verbieten würde.

Was würde das Burka-Verbot für Sie persönlich bedeuten?

Wir waren öfter im Tessin in den Ferien, Verwandte haben ein Ferienhaus am Lago Maggiore. Dieses liegt glücklicherweise auf italienischem Boden. Aber ich könnte auf der Durchfahrt im Tessin nicht mehr an einer Raststätte Halt machen. Vor allem würde das Verbot jedoch die Islamophobie in der Schweiz weiter schüren. Schon heute kommt es vor, dass ich auf der Strasse angespuckt und beleidigt werde.

Sie haben für Ihre Gegenkampagne einen Flyer entworfen, der eine verschleierte Frau zeigt, dazu die Sprüche: «Bitte schliesst mich nicht ein!» und «Ja zur Freiheit der Frau». Ist das nicht paradox? Das Kopftuch gilt nicht nur bei Frauenrechtlern als Symbol der Unterdrückung der Frau.

Das Bild zeigt eine Frau, die traurig ist, weil ihr die Freiheit genommen wird. Ich kenne keine einzige Frau, die in der Schweiz gezwungen wird, die Burka oder den Nikab zu tragen. Von daher ist der Gesichtsschleier kein Gefängnis – im Gegenteil.

In arabischen Ländern sieht es anders aus.

Das stelle ich nicht in Abrede, aber man kann die Schweiz als demokratisches Land, das die Religionsfreiheit hochhält, nicht mit einem arabischen Staat vergleichen.

Würden Sie sich wünschen, dass die Schweiz ein islamischer Staat wird?

Davon ist die Schweiz weit entfernt, daher ist diese Frage hypothetisch.

Aus dem Koran lässt sich keine Pflicht ableiten, dass das Gesicht bedeckt werden muss. Weshalb ist Ihnen die Verschleierung so wichtig? Geht es um Provokation?

Die Verschleierung ist eine normative Option im Islam, das Kopftuch eine andere. Jener Hadith (Bericht über den Propheten Mohammed, Anm. d. Red.), der aussagt, dass das Gesicht nicht bedeckt werden dürfe, ist ein schwacher. Auch zur Zeit des Propheten Mohammed gab es schon Frauen, die sich verschleiert haben und andere, die es nicht getan haben. Ich habe mich aus Liebe zu Allah für die Verschleierung entschieden.

Sie haben drei kleine Töchter, die älteste ist siebenjährig. Würden Sie sich wünschen, dass sich Ihre Töchter später auch für den Gesichtsschleier entscheiden?

Jede Mutter will das Beste für das Kind, insofern würde ich mich freuen, wenn sie auch diesen Weg einschlagen würden. Aber es muss aus freien Stücken geschehen. Sie tragen freiwillig auch immer mal wieder ein Kopftuch – wie alle Kinder wollen sie ihre Mutter imitieren.

Dem Vernehmen nach hat ihr Mann, Abdel Qaasim Illi, eine Zweitfrau. Stimmt das?

Das ist eine Privatsache, die ich weder bestätige noch dementiere. Ich kann aber sagen, dass ich die Mehrehe nicht ablehne. Sie ist eine Option im Islam, auch Prophet Mohammed hatte mehrere Frauen. Die Mehrehe ist im Islam aber strengen Regeln unterworfen. Der Mann muss gerecht sein, sowohl was die Zeit als auch was das Finanzielle betrifft.

Der Spielverderber

Am kommenden Wochenende stimmt das Tessin über die Anti-Burka-Initiative ab. Diese verlangt ein Verbot von Gesichtsbedeckungen in der Öffentlichkeit und bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Burka und den Nikab. Eingereicht hat die Initiative der Lokalpolitiker Giorgio Ghiringhelli mit seiner Bewegung «Guastafeste», zu Deutsch Spielverderber. Die Tessiner Regierung hat einen abgeschwächten Gegenvorschlag ausgearbeitet, bei dem ein Bezug auf die islamische Frauenverschleierung fehlt. Das Vermummungsverbot würde zudem nicht in der Kantonalverfassung verankert, sondern als Verordnung ins kantonale Gesetz zur öffentlichen Ordnung integriert. Ein Burka-Verbot wäre eine Schweizer Premiere. (daw/sda)

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