Tierparadies: Als Zürich eine Hundestadt war
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TierparadiesAls Zürich eine Hundestadt war

Im 19.Jahrhundert gab es in Zürich nicht nur vier Mal mehr Hunde pro Einwohner als heute, sie wurden auch überall mitgenommen - sogar in die Kirche. Eine Zürcher Historikerin förderte in einer Studie Erstaunliches zu Tage.

Überall Hunde, Gekläff und Häufchen: Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Zürich rund vier Mal so viele Hunde pro Einwohner wie heute. Die Historikerin Aline Steinbrecher von der Universität Zürich geht auf ihre Bedeutung im Zusammenleben mit den Stadtmenschen ein.

Nicht nur Hunde waren früher im städtischen Alltag omnipräsent. Allerlei Nutz- und Haustiere prägten den Alltag der Menschen. In ihrer Habilitationsarbeit geht Steinbrecher einerseits auf die generelle Beziehung von Mensch und Tier ein. Anderseits widmet sie sich speziell dem Zusammenleben von Hund und Mensch von 1650 bis 1850 in Städten wie Zürich, Frankfurt, Köln oder Wien.

Damals hätten Hunde das Alltagsleben noch viel mehr bestimmt als heute, sagte Steinbrecher auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Einmal durch ihre schiere Zahl, dann aber auch, weil sie überall hin mitgenommen wurden.

So waren Hunde nicht nur in den Strassen, sondern etwa auch in Kirche oder Uni selbstverständlich. Und elegante Damen liessen ihr Schosshündchen auch bei offiziellen Anlässen auf ihrem Schoss sitzen.

Etwas war allerdings schon damals gleich wie heute, wie die Uni in einer Mitteilung zu Steinbrechers Arbeit schreibt: Aus der Hunderasse liess sich auf Status und Lifestyle des Besitzers schliessen.

Studenten etwa hatten edle Jagdhunde, Bürgerskinder spielten mit gelehrigen Pudeln. Handwerker dagegen brauchten Hunde eher zum Mitarbeiten; so halfen etwa Bulldoggen - auch Bullenbeisser genannt - dem Metzger, seine Ochsen durch die Gassen zu treiben.

Gesetze sind der Historikerin Glück

Lärm, Dreck und auch etwa Bissverletzungen waren ungeliebte Begleiterscheinungen der allgegenwärtigen Hunde. Der Obrigkeit oblag es unter anderem auszuhandeln, wo Hunde mitgehen durften und wo nicht, wie Steinbrecher sagte. Und all die diesbezüglichen Erlasse und Gesetze «sind der Historikerin Glück». Genauso wie etwa die Listen, die seit Einführung der Hundesteuer 1812 in Zürich geführt wurden.

Steinbrecher pflegt die historischen Quellen «gegen den Strich» zu lesen: Ausgehend etwa von Regierungserlassen erkennt sie, dass das Thema Hunde häufig diskutiert wird; aus Ratsprotokollen kann sie schliessen, welche Probleme es gab. Andere Quellen sind etwa zeitgenössische Bücher zur Hundehaltung oder Anzeigen von Hundebesitzern, die ihre Lieblinge vermissten.

Die Historikerin - selbst Hundebesitzerin - ist nicht die Erste, die zum Thema Tier und Mensch forscht. «Das Thema boomt», so Steinbrecher. Die erste Publikation im deutschsprachigen Raum erschien 1989. Schon damals war Steinbrecher klar: «Da will ich dranbleiben». Zurzeit ist ihre Habilitationsschrift noch in Arbeit. Sie wird dereinst als Buch erscheinen. (sda)

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