Hausarztinitiative: «Alte Hausärzte jammern viel»
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Hausarztinitiative«Alte Hausärzte jammern viel»

Hausarzt werden ist unsexy. Lieber wollen Nachwuchsmediziner in die Chirurgie. Die junge Hausärztin Franziska Morger erzählt, wieso für sie trotzdem kein anderer Beruf in Frage kommt.

von
Caroline Freigang
Franziska Morger (37) hat 2014 die Praxis ihres Vaters übernommen. Diese führt sie seitdem im Alleingang.

Franziska Morger (37) hat 2014 die Praxis ihres Vaters übernommen. Diese führt sie seitdem im Alleingang.

Der Beruf des Hausarztes scheint für die jungen Mediziner mit wenig Glamour verbunden zu sein. Dem Mangel an qualifiziertem Nachwuchs will die Politik nun mit einem Gegenvorschlag zur Hausarztinitiative begegnen, über den am 18. Mai abgestimmt wird. Was hat Sie dazu bewegt, Hausärztin zu werden?

Bei mir war die Berufswahl naheliegend – mein Vater ist Hausarzt. Aber auch darüber hinaus finde ich den Beruf wahnsinnig spannend. Ich bin sehr nahe am Leben dran, nicht wie der Chirurg im Operationssaal, der sehr wenig von seinen Patienten mitbekommt. Gleichzeitig behandle ich ein riesiges Spektrum an Krankheiten – ich kann selber röntgen, mache Ultraschalls und Laboranalysen.

Wieso braucht es heute noch einen Hausarzt?

Durch die eben genannten Möglichkeiten kann ich als Hausarzt viele Probleme selber lösen, ohne einen Spezialisten heranziehen zu müssen. Ausserdem ist es wichtig, zu seinen Patienten langjährige Beziehungen aufzubauen. Gerade wenn es komplexer wird, ist es wichtig, immer die gleiche Ansprechperson zu haben.

Sie haben die Praxis ihres Vaters kürzlich übernommen. Sind die Patienten skeptisch, dass Sie als Tochter jetzt in die Fussstapfen des langjährigen Vertrauensarztes treten?

Es gibt natürlich eine gewisse Gewöhnungsphase. Einige Patienten waren 30 Jahre lang bei meinem Vater in Behandlung. Ich glaube, gerade diese Perspektive, mehrere Jahrzehnte in derselben Praxis zu sein, macht vielen jüngeren Ärzten Angst. Heutzutage ist es ja gar nicht mehr in, sich auf längere Zeit festzulegen.

Ist das der Grund, weshalb der Beruf des Hausarztes unter Nachwuchsärzten als unsexy gilt?

Unter anderem. Die Jungen wollen sich alle Optionen offenhalten. Vielleicht erstmal noch angestellt arbeiten, eine Zwischenstation im Spital machen. Hauptsächlich ist es aber ein Imageproblem. Viele Medizinstudenten haben noch das Bild des Hausarztes im Wollpulli und Birkenstocksandalen im Kopf. Das soll sich jetzt grundsätzlich ändern.

Wer soll denn dieses Image aufpolieren?

Vor allem die Hausärzte selbst. Das Grundproblem liegt darin, dass gerade die alte Generation von Hausärzten oft jammert. Sie beklagen den hohen administrativen Aufwand, im Verhältnis zu ihren Gehältern. Wenn Studenten bei diesen Ärzten in der Praxis mitarbeiten, haben sie natürlich keine Lust auf den Job. Es ist wichtig, den Jüngeren die Vorteile der Hausarztmedizin zu vermitteln und das Schöne an diesem Beruf zu betonen.

Welche Vorteile?

Zum Beispiel die Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Der Beruf hat sich grundlegend verändert. Während es früher der Mann war, der als Doktor arbeitete und die Frau, die sich um Haus und Kinder kümmerte, arbeiten heute oft beide Elternteile. Dafür gibt es zum Beispiel Gemeinschaftspraxen, in denen Ärzte in Teilzeit arbeiten können.

Hat die Entscheidung gegen den Beruf des Hausarztes beim Nachwuchs nicht auch mit den mageren Gehaltsaussichten zu tun?

Jein. Kein Hausarzt muss Hunger leiden. Ein Hausarzt, der 100 Prozent arbeitet, verdient im Schnitt etwa 180'000 Franken jährlich. Im Vergleich zu anderen Spezialisten ist dies aber ein deutlich geringerer Lohn.

Trägt denn der Hausarztartikel dazu bei, dass der Beruf für die Jungen wieder attraktiver wird?

Auf jeden Fall. Im Hausarztartikel geht es vor allem darum, Weiterbildungsprogramme zu unterstützen. Momentan kann es noch sein, dass man Hausarzt wird, ohne je in einer Praxis gewesen zu sein. Das schreckt natürlich ab. Da der Hausarzt ein so breites Spektrum der Medizin abdeckt, ist es wichtig, dass man sich als junger Arzt vorbereitet fühlt. Das kann man mit einer strukturierten Weiterbildung erreichen.

Nicht alle haben das Glück, in einer Ärztefamilie aufgewachsen zu sein. Wie kann man die Jungen motivieren, Hausarzt zu werden?

Eine grosse Verantwortung liegt bei den Universitäten. An der Uni Zürich gibt es jetzt beispielsweise einen Lehrstuhl für Hausarztmedizin, an dem eigene Forschung betrieben wird – das ist reizvoll für viele Studenten. Auch gibt es den Verein der Jungen Hausärztinnen und –ärzte Schweiz, in dem wir Jungen uns gemeinsam für ein besseres Image der Hausarztmedizin einsetzen.

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