Totes Baby im Keller: «Sie war eiskalt, die Fingernägel blau»
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Totes Baby im Keller«Sie war eiskalt, die Fingernägel blau»

Jasmina (1) wurde im Sommer 2015 tot im Keller des Hauses ihrer Eltern aufgefunden. Die Eltern werden für den Tod verantwortlich gemacht und wurden in erster Instanz verurteilt. Am Freitag fand die Verhandlung vor dem Kantonsgericht statt.

von
Jeremias Büchel
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Im Februar 2018 erhob die Staatsanwaltschaft St. Gallen Anklage gegen die Eltern Jessica T. und Hanspeter H. 
Vor dem Kreisgericht Rorschach wurden sie im Dezember 2018 zu Haftstrafen verurteilt.

Im Februar 2018 erhob die Staatsanwaltschaft St. Gallen Anklage gegen die Eltern Jessica T. und Hanspeter H.
Vor dem Kreisgericht Rorschach wurden sie im Dezember 2018 zu Haftstrafen verurteilt.

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In diesem Haus in Staad ereignete sich der Fall.

In diesem Haus in Staad ereignete sich der Fall.

20min/rar
Die Kantonspolizei St. Gallen im August 2015 beim Tatort in Staad.

Die Kantonspolizei St. Gallen im August 2015 beim Tatort in Staad.

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Darum gehts

  • Jessica T. und Hanspeter H. wurden 2018 wegen fahrlässiger Tötung ihrer Tochter (1) am Kreisgericht Rorschach verurteilt.

  • Jasmina (1) wurde im Sommer 2015 tot im Keller aufgefunden.

  • Sowohl die Verurteilten als auch die Staatsanwaltschaft zogen das Urteil des Kreisgerichts weiter.

  • Am Freitag findet die Berufungsverhandlung vor dem Kantonsgericht St. Gallen statt.

  • Die Beschuldigten forderten einen Freispruch, die Staatsanwaltschaft ein höheres Strafmass: Für die Mutter 10,5 Jahre, den Vater 8 Jahre Freiheitsstrafe.

  • Das Urteil wird nächsten Freitag bekannt gegeben.

Die Eltern der mutmasslich bis zum Tode vernachlässigten Jasmina wurden in erster Instanz vom Kreisgericht Rorschach zu Freiheitsstrafen verurteilt – die Mutter zu sechs, der Vater zu fünf Jahren. Damit waren die Beschuldigten nicht einverstanden, weshalb am Kantonsgericht St. Gallen am Freitag die Berufungsverhandlung stattfindet.

Kokain führte zu Vernachlässigung

Die Anklage der Staatsanwaltschaft ist darauf aufgebaut, dass die Eltern regelmässig, mitunter mehrmals täglich, Kokain konsumierten und sich die Eltern dadurch nicht ausreichend um die gemeinsame Tochter kümmerten. Durch den Drogenkonsum sei es bei den Eltern zu Schlafentzug und Störung des Tagesrhythmus gekommen, was zu Vernachlässigung der Fürsorge und Erziehungspflicht führte. Drei Kilo Kokain soll der Vater innerhalb von rund drei Jahren gekauft haben, davon soll die Mutter rund ein Kilo konsumiert haben, den Rest der Vater. Die Verteidigerin des Vaters bestritt vor Gericht die hohen Mengen und die Weitergabe an Jessica T. Diese sei durchaus in der Lage gewesen, sich selbst Drogen zu besorgen. Die Anwältin der Mutter stellt die hohen Mengen und die Berechnung der Anklage in Frage. Diese beruhen beispielsweise auf Bargeldbezügen vom Konto des Vaters. «Das ist geradezu grotesk.»

Im Rahmen der Untersuchung wurde bei der Mutter eine Haaranalyse durchgeführt. Diese ergab, dass sie regelmässig Kokain konsumierte, auch während der Schwangerschaft und der Stillzeit. Das hat sich auf Jasmina ausgewirkt: In 14 Zentimetern Haarlänge von Jasmina wurde Kokain nachgewiesen.

«Sie war eiskalt»

Die Mutter beantwortete vor Gericht keine Fragen zum Thema Kokainkonsum und dessen Beschaffung, trotz vieler wiederholter Fragen des Kantonsrichters. «Dazu mache ich keine Angaben», wiederholte sie wie ein Mantra. Beim Hinweis auf abgehörte Audioaufnahmen, die klare Hinweise zu Dialogen über Kokainkonsum aufzeigten, sagte sie trotzig, «ich erinnere mich auch nicht, wenn sie mir die Aufnahmen vorspielen». Sie sei nach dem Tod der Tochter ständig «auf Medikamenten» gewesen und leide an einem Trauma, welches zu Erinnerungslücken führe.

Emotionen zeigte die Beschuldigte bei der Frage, wie sie Jasmina aufgefunden habe. «Ich bin am Morgen ins Zimmer rein. Da lag sie, mit halboffenen Augen. Sie war eiskalt, die Fingernägel waren blau», sagt die Mutter unter Tränen. «Mein einziger Gedanke: ‹Das kann nicht sein. Am Abend vorher hat sie noch gelacht›» Schluchzend sagt sie weiter, sie hätte nie entscheiden sollen, dass Jasmina alleine in einem eigenen Zimmer schläft. Das werfe sie sich heute vor. Sie hätte nicht schlafen dürfen. «Ich bin schuld», sagt sie und zittert dabei heftig mit den Füssen.

«Gehe dafür nicht ins Gefängnis»

Die Beschuldigte wohnt nach wie vor mit dem Vater zusammen im Haus in Staad SG, dort wo Jasmina tot im Keller gefunden wurde. Für sie sei Jasmina nach wie vor da, sie habe den Tod noch nicht verarbeiten können. Damit erklärt sie sich ihr Verhalten nach dem Auffinden der toten Tochter. «Ich habe sie warm angezogen, damit sie nicht friert». Zudem habe sie Jasmina in ihre Kuscheldecke eingewickelt. Später hat sie den Körper in einen Koffer gepackt und im Keller verstaut. Sie habe damit den Totenfrieden von Jasmina gestört, das sei wohl so. Aber alle anderen Vorwürfe stimmen nicht. «Ich gehe nicht ins Gefängnis, für etwas, das ich nicht getan habe.»

Schwere Kindheit des Vaters

Bei der Befragung des Vaters vor Gericht spricht dieser über seine schwierige Kindheit mit einem schwer depressiven Vater und diversen Suiziden in der Verwandtschaft. So fand H. etwa während Ferien im Tessin seinen Cousin tot auf. Bei den Schilderungen kommt H. beim Sprechen ins Stocken, spricht mit belegter Stimme. Die Mutter sei mit der Situation überfordert gewesen und streng mit den Kindern, habe ihn auch mit dem Teppichklopfer regelmässig geschlagen. Der fünf Jahre ältere Bruder hat ihn jeweils im WC eingeschlossen, wenn die Eltern weg waren. Nachdem er den Vater «halbtot» im Bett auffindet, wird H. fremdplatziert und kommt vom Kanton Zürich nach St. Gallen in eine Pflegefamilie.

Vater weiss nicht, wann er Jasmina zum letzten Mal lebend gesehen hat

Dem Vater wird vorgeworfen, innerhalb rund drei Jahren insgesamt drei Kilo Kokain gekauft zu haben und dieses mit seiner Partnerin «in rauen Mengen» konsumiert zu haben. Dazu machte der Beschuldigte wie die Mutter vor Gericht keine Aussagen. Nur soviel: Er habe nichts vom Kokainkonsum der Mutter während der Schwangerschaft und Stillzeit gewusst. «Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich sauer geworden.» Er habe sehr viel gearbeitet, aber Jasmina sei nie alleine gelassen worden, entgegen der Aussagen in der Anklageschrift. Vorwürfe, dass die Eltern am Abend wiederholt ausgegangen seien – ohne Tochter – und nach vier bis fünf Stunden wieder nach Hause gekommen, weist H. vehement zurück.

Auf die Frage, wann er seine Tochter das letzte Mal lebend gesehen habe, konnte H. keine genaue Angabe machen. Jessica T. hatte ihm falsche Angaben über den Verbleib der Tochter gemacht, die er geglaubt habe. H. sei zu diesem Zeitpunkt psychisch krank gewesen, habe unter Medikamenten gestanden, deshalb sei ihm die Situation nicht klar gewesen. Die Mutter sagte ihm, dass Jasmina bis zu ihrem Geburtstag am 7. August bei einer anderen Familie untergebracht sei. «Das habe ich ihr geglaubt». Vom Tod der Tochter habe er erst am 4. August von der Kantonspolizei erfahren. Wann und weshalb Jasmina gestorben ist, wisse er nicht. Die Todesnachricht sei ein Schock gewesen und habe dazu geführt, dass er in die Psychiatrie eingewiesen werden musste. Er habe Jasmina geliebt.

«Todesursache ist nicht bewiesen»

Die Verteidigerin der Mutter zweifelt vor Gericht an, dass der Tod am 3. Juli eingetreten ist, wie von der Anklage vorgebracht. Aussagen der Audioüberwachung im verwanzten Haus und Auto sowie der Chatprotokolle würden dagegensprechen. Die Anklage wolle damit möglicherweise die These eines Hitzetodes stützen, der Eintrat, als sich die Mutter bei einem Vorstellungsgespräch befand, in Begleitung des Vaters. Die Verteidigerin verwies darauf, dass die Rechtsmedizin keinen Todestag bestimmen konnte. Auch eine Todesursache konnte nicht ermittelt werden. Deshalb sei die Mutter freizusprechen.

Die Anwältin des Vaters bläst ins gleiche Horn: Die Beweislage sei dünn, es sei nicht klar, durch welche genauen Handlungen der Vater den Tod hätte verhindern können.

«Das Mädchen war den beiden gleichgültig»

Die Staatsanwaltschaft hält am 3. Juli als Todestag fest, einem heissen Tag mit Temperaturen bis zu 33 Grad. Jasmina sei alleine zu Hause gewesen und zu warm angezogen. In Kombination mit mangelnder Flüssigkeitsaufnahme sei der Körper des Kindes kollabiert, was zum Hitzetod geführt hat. Durch ihr Verhalten hätten die Eltern den Tod verursacht. «Das Mädchen war den beiden gleichgültig.»

Dass die Mutter den Körper später im Keller verstaute zeige zudem, dass diese keine liebende Mutter sei. Weiter hält die Staatsanwaltschaft an der Menge des beschafften Kokains fest. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Verurteilung der Eltern zu einer Freiheitsstrafe - die Mutter zu 10,5 Jahren und den Vater zu 8 Jahren. Das Urteil wird nächsten Freitag bekannt gegeben.

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Pro Juventute, Tel. 147

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