«Roofers» hoch über Moskau: Am Abgrund mit den riskanten Russen
Aktualisiert

«Roofers» hoch über MoskauAm Abgrund mit den riskanten Russen

Sie klettern auf die höchsten Gebäude Moskaus - ganz ohne Sicherung. Auch dass Freunde zu Tode stürzen, kann die «Roofer» nicht aufhalten. 20 Minuten Online hat sie begleitet.

von
Luzia Tschirky
Moskau

Die rostige Leiter unter meinen Füssen ist in der Mitte durchgebrochen und meine Hände werden vom scharfen Geländer blutig. Ich verfluche meinen Leichtsinn. Aber es ist wie in den Bergen. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man nicht mehr umkehren. Wir klettern also weiter auf das russische Hausdach. Vor mir Kirill Vselenskij, einer der Grossen der russischen «Roofer»-Gemeinde. Bis nach Wladiwostok ist er schon gereist, um auf die höchste Schrägseilbrücke der Welt zu klettern. Eigentlich hatten wir uns heute für einen Kaffee verabredet, aber er hat sich kurzfristig umentschieden. Und so klettere ich nun mit einer ganzen Gruppe von Roofern auf einen alten Plattenbau mitten in Moskau.

Zuvor hat mir Kirill noch lachend einen Schraubenschlüssel in seinem Rucksack gezeigt und gesagt: «Das wichtigste Werkzeug für einen Roofer!» Der Weg nach oben ist oft mit Schlössern abgeriegelt. Ständig klingelt das Telefon von Kirill und er bespricht sich mit anderen Roofern in einem so schnellen Russisch, dass ich kein Wort verstehe. Vor dem Haus, auf das wir steigen wollen, wartet ein weiterer Freund, Mischa. Er hat unzählige Schlüssel dabei. In Moskau hat nicht jedes Haus sein eigenes Schloss, oft gibt es mehrere Häuser mit demselben. Das erleichtert den Roofern das Leben. Mit kopierten Schlüsseln kommen sie noch in den letzten alten Stalinbau.

Vorsicht vor der Grossmutter

Bereits im 14. Stock steigen wir aus dem Lift. Ganz nach oben zu fahren, wäre fahrlässig. Vielleicht hat eine russische Grossmutter im obersten Stock nichts Besseres zu tun, als das Treppenhaus im Auge zu behalten. «So einer möchtest du bei einer illegalen Aktion nicht begegnen!», sagt der 17-jährige Sascha. Er ist der jüngste in unserer Gruppe. Die meisten Roofer sind zwischen 18 und 20 Jahre alt, ältere sind selten. Kirill hat seine ganz eigene Erklärung dafür: «Wenn die Leute älter werden und heiraten, ist es wie mit dem Kino. Man geht nur noch ab und zu hin und am Schluss gar nicht mehr.»

Endlich auf dem Dach angekommen ist der Blick über Moskau atemberaubend. Der Kreml scheint in Griffnähe und hinter den Leninbergen geht gerade die Sonne unter. Die Roofer sind sich solche Ausblicke gewohnt. Fast kein Gebäude in Moskau, dass sie noch nicht bestiegen hätten. Kommt da nicht ein wenig Langeweile auf? «Nein, es gibt immer noch Häuser, auf die es wir nicht geschafft haben. Das Aussenministerium zum Beispiel ist sehr streng bewacht», sagt Kirill und fängt an, am Rand des Daches entlang zu springen. Es scheint dieser Kick zu sein, nach dem die Roofer süchtig sind.

Unter Terrorismusverdacht

Auf dem iPad zeigt mir die Gruppe Videos von ihren spektakulären Aktionen. Kirill wurde schon von russischen Geheimdienstleuten befragt, weil diese terroristische Absichten hinter der waghalsigen Kletterei vermuteten. Das bestreitet Kirill aber. Es gehe einzig um das Gefühl, wenn man oben angekommen ist: «Wenn ich auf den Dächern stehe, habe ich grosse Lust einfach runterzuspringen.»

Bis jetzt hat er noch immer den normalen Abstieg wiedergefunden. Aber er kennt auch Leute, die ihren Ausflug mit dem Leben bezahlt haben. Sascha zeigt auf ein Gebäude in der Ferne. «Ein Freund von uns hat es leider nicht geschafft. Die Leiter war alt und ist einfach abgebrochen.» Kein Grund zum Aufhören für die Roofer, wie Sascha sagt: «Es ist zu schön, von hier oben hinunter blicken zu können.»

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