Aktualisiert 01.01.2010 08:33

15 Jahre Heroinabgabe«Am Anfang herrschte grosse Skepsis»

Als weltweit erstes Land hat die Schweiz vor 15 Jahren mit der kontrollierten Heroinabgabe an Süchtige begonnen. In der Praxis bewährt sich der eingeschlagene Weg, doch dessen gesetzliche Verankerung harzte. Am 1. Januar treten die Bestimmungen im Betäubungsmittelgesetz in Kraft.

Mit der Zeit hätten die Leute gemerkt, «dass wir ihnen nicht die Szene ins Quartier bringen.»

Mit der Zeit hätten die Leute gemerkt, «dass wir ihnen nicht die Szene ins Quartier bringen.»

«Am Anfang war es ein Versuch, und es herrschte grosse Skepsis», erinnert sich Adrian Kormann, ärztlicher Leiter der Zürcher Poliklinik Zok12 für heroin- und methadongestützte Behandlungen.

Seither sei die Akzeptanz insbesondere in den Regionen gestiegen, die stark mit dem Problem der Heroinabhängigen zu kämpfen hatten. Dazu gehören die Städte Zürich, Basel und Bern.

Als in Bern das Zentrum für heroingestützte Behandlung Koda 1998 in ein Wohnquartier umzog, «war der Widerstand immens», erzählt Betriebsleiterin Barbara Mühlheim. «Wir waren zweimal vor dem Verwaltungsgericht, um zu wissen, ob wir dort bleiben dürfen.»

Mit der Zeit hätten die Leute gemerkt, «dass wir ihnen nicht die Szene ins Quartier bringen», sagt Mühlheim. «Die früheren Gegner sind heute gute Freunde und beschenken uns sogar an Neujahr.»

Angebote erweitert

Auch in Basel hat sich die heroingestützte Behandlung «von einer Notlösung zu einer medizinischen Spezialbehandlung gemausert», meint Hannes Strasser, ärztlicher Abteilungsleiter des Behandlungszentrums Janus der universitären psychiatrischen Kliniken.

So galt es am Anfang in erster Linie zu verhindern, dass die Abhängigen sterben, kriminell werden, sich prostituieren müssen oder sich mit dem HI-Virus anstecken.

Das sei auch heute noch wichtig, betont der Zürcher Arzt Kormann. Doch habe man mit der Zeit gemerkt, dass die Betroffenen nicht nur drogenabhängig seien, sondern auch an anderen psychischen und physischen Krankheiten litten. Deshalb hätten viele der heute 23 Behandlungszentren ihre Angebote über die Jahre erweitert.

Mehr Lebensqualität

Durch den ganzheitlichen Therapieansatz hätten sich der Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Patienten verbessert, sagt Otto Schmid, Abteilungsleiter des Behandlungszentrums Janus in Basel.

Die Zahl der an HIV oder Hepatitis erkrankten Abhängigen habe massiv abgenommen. Auch die Kriminalität und die Prostitution seien um bis zu 80 Prozent gesunken.

Schwierig bleibt die Reintegration der Abhängigen in die Gesellschaft: Dazu gehört der Aufbau eines neuen sozialen Umfelds und das Durchbrechen alter Verhaltensmuster, wie Schmid sagt. Viele Patienten seien einsam.

Eine andere Schwierigkeit sei der grosse administrative Aufwand, mit dem die Therapieform verbunden sei, sagen die Fachleute. Für jeden Patient braucht es eine Bewilligung vom Bund und vom Kantonsarzt und speziell für Heroin in Tablettenform auch noch von der Arzneimittelbehörde Swissmedic.

Endgültig gesetzlich verankert

Die befristeten gesetzlichen Grundlagen für die heroingestützte Behandlung - ein Bundesbeschluss von 1998, der 2003 verlängert worden war - laufen Ende 2009 aus. Ab dem 1. Januar 2010 sind die seit 15 Jahren geltenden Richtlinien endgültig im revidierten Betäubungsmittelgesetz verankert.

Zwar wird sich der medizinische Alltag der Behandlungszentren dadurch nicht spürbar verändern. Dennoch ist die gesetzliche Anerkennung der Behandlung als normale medizinische Leistung von symbolischer Bedeutung: «Wir können das, was wir schon immer gemacht haben, nun legitim ausführen, ohne dass wir Angst haben müssen vor politischen Angriffen», sagt Strasser.

Notiz an die Redaktion: Folgen zwei Extras

(sda)

Schweizweit 23 Behandlungszentren in zwölf Kantonen

In der Schweiz gibt es 23 heroingestützte Behandlungszentren, zwei davon befinden sich in Gefängnissen. Die drei grössten Zentren - in Bern, Zürich und Basel - behandeln rund die Hälfte der durchschnittlich 1300 Patienten.

Insgesamt werden 1444 Behandlungsplätze angeboten. Die Zentren sind sehr ungleich auf zwölf Kantone (BE, ZH, SO, BL, BS, AG, LU, ZG, GE, SH, SG, GR) verteilt: In der Westschweiz hat einzig der Kanton Genf eines, im Tessin gibt es gar keines und auch in der Innerschweiz sind nur wenige Behandlungsplätze vorhanden.

In den meisten Fällen handelt es sich um interdisziplinäre, ambulante Behandlungszentren: Diese bieten neben der Heroinabgabe auch die Behandlung von psychiatrischen und körperlichen Krankheiten sowie sozialarbeiterische Unterstützung an.

Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für die medizinischen Dienstleistungen, nicht aber für die sozialarbeiterischen Tätigkeiten. Diese berappen in den meisten Fällen die Kantone.

Gemäss dem jüngsten Bericht des Bundesamtes für Gesundheit betrugen die Kosten 2007 im Durchschnitt 57 Franken pro Tag und Patient. Demnach erspart ein in einem Zentrum behandelter Heroinabhängiger der Gesellschaft täglich 47 Franken, vor allem in Form von Strafverfolgungs- und Justizkosten. (sda)

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