Aktualisiert 06.09.2007 03:14

Am Ende stand ein «dummer Zufall»

Mehr als sechs Monate hatten 300 Beamte Tag und Nacht jeden Schritt der Männer mit allen erdenklichen Methoden überwacht - gestern entschied ein zur falschen Zeit aufgeblendeter Scheinwerfer über den schnellen Zugriff.

«Fanatisch», «hoch konspirativ» und «durch nichts von ihren Zielen abzubringen» - so beschreiben Ermittler die drei mutmasslichen Mitglieder der Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union. Der Terroranschlag sollte verheerender sein als die Attentate von Madrid und London: Autobomben mit ungeheurer Sprengkraft sollten vor US-Einrichtungen in Deutschland detonieren und hunderte Menschen in den Tod reissen.

Rückblende: Hanau, Ende Dezember 2006. Dem Verfassungsschutz fallen drei Männer auf, die in der Stadt östlich von Frankfurt am Main zwei amerikanische Kasernen ausspähen. Im Zuge der Ermittlungen durchsucht die Polizei im Januar 2007 die Wohnungen der verdächtigen Gruppe. Zuvor sollen die Männer - darunter einer der jetzt Festgenommenen - in abgehörten Gesprächen gesagt haben, sie seien bereit, sich zu opfern. Verhaftet wird jedoch niemand - aber nicht aus Mangel an Haftgründen, sondern weil die Fahnder die ganze Dimension der Terrorplanungen ermitteln wollen.

«Ein schneller Zugriff hätte die Bedrohung durch die Gruppe nicht beseitigt», erklärt BKA-Präsident Jörg Ziercke. Wie gross die Bedrohung tatsächlich war, zeigt die Ausbildung im Umgang mit Sprengstoff, die die beiden zum Islam konvertierten Deutschen und der Türke im vergangenen Jahr in einem Lager im Norden Pakistans absolviert haben sollen.

Die drei Männer, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, keiner geregelten Arbeit nachgehen und teilweise Arbeitslosengeld II beziehen, lassen sich durch die Durchsuchungsmassnahmen nicht von ihren Plänen abbringen: Von Februar bis August dieses Jahres besorgen sie sich aus dem Raum Hannover nach und nach insgesamt zwölf Fässer, die mit 35-prozentigem Wasserstoffperoxid gefüllt sind - Gesamtgewicht 730 Kilogramm. Mit etwas Geschick lassen sich nach Angaben Zierckes daraus verheerendste Bomben herstellen, deren Gesamt-Sprengkraft 550 Kilogramm TNT entsprechen.

Die Fässer werden in einer angemieteten Garage in Freudenstadt zwischengelagert - einer der drei Verdächtigen stammt aus Baden-Württemberg. Am 17. August kommt weitere Bewegung in die Gruppe: Unter falschem Namen wird im sauerländischen Medebach-Oberschledorn, nahe der hessischen Grenze, ein Ferienhaus angemietet. Am vergangenen Sonntag beginnen die drei Männer dann mit den konkreten Vorbereitungen zum Bombenbau: Sie schaffen eines der zwölf Fässer in ihr Quartier - allerdings nicht ahnend, dass sich nur noch unbrauchbares dreiprozentiges Wasserstoffperoxid darin befindet: Schon im Juli hatten die Ermittler heimlich die zwölf Fässer ausgetauscht, um jede Gefahr für die Bevölkerung auszuschliessen.

Am Montag deckt sich die Gruppe in Dortmund mit weiteren Materialien zum Bombenbau ein - darunter militärischen Sprengzündern, Elektronikbauteilen und Platinen. Der Anschlag, so scheint es, soll unmittelbar vor oder am 11. September erfolgen - dem Jahrestag der Attentate von 2001. Doch noch an diesem Montag passiert dann jenes Missgeschick, das die Planungen der Männer durcheinanderwirft: Auf einer Erkundungsfahrt geraten sie zufällig in eine gewöhnliche Polizeikontrolle, weil ihre Scheinwerfer versehentlich aufgeblendet sind.

Panne beim Zugriff

Ein «dummer Zufall», wie BKA-Chef Ziercke versichert, aber die Islamisten glauben nicht an Zufälle und erhöhen das Tempo: Am Dienstag beginnen sie um 13.42 Uhr in ihrem Ferienhaus mit der Aufbereitung des Wasserstoffperoxids. Dabei diskutieren sie weiter über die Kontrolle vom Vorabend, ihre Verunsicherung wächst, und so beschliessen sie um 14.30 Uhr kurzfristig, das Gebäude aufzugeben und sich an einem neuen Ort ein sichereres Quartier zu suchen.

Für die Polizei, die längst mit Elitekräften der GSG 9 und mit dem Mobilen Einsatzkommando des BKA das Haus grossräumig abgeriegelt hat, ist nach sechs Monaten jetzt der Moment des Zugriffs gekommen: Zwei Tatverdächtige werden sofort festgenommen, der Dritte kann zunächst durch ein Fenster flüchten, wird aber nach 300 Metern von einem Beamten gestellt. Dem Mann gelingt es, dem Polizisten die Dienstwaffe zu entreissen. Bei der anschliessenden Rangelei fällt ein Schuss, ehe der mutmassliche Islamist überwältigt wird.

Für die Ermittler ist die Arbeit damit noch lange nicht beendet: Noch am Dienstagabend werden 41 Objekte in mehreren Bundesländern durchsucht. Mit weiteren Razzien und Festnahmen ist in den kommenden Tagen zu rechnen. «Ein guter Tag für die Sicherheit in Deutschland», resümiert Generalbundesanwältin Monika Harms.

(dapd)

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