Aktualisiert 07.06.2012 17:13

Nach BergsturzAm Gotthard muss gesprengt werden

Der 500 Kubikmeter grosse Felsen, der bei Gurtnellen abzustürzen droht, soll nächste Woche weggesprengt werden. Wann der Verschüttete geborgen werden kann, bleibt unklar.

Das labile Felsstück im Bergsturzgebiet von Gurtnellen UR wird wohl weggesprengt. Erst dann kann der verschüttete Bauarbeiter geborgen und die Bahnlinie wiederhergestellt werden. Vor allem beim Güterverkehr herrscht wegen der unterbrochenen Strecke ein Engpass.

Ein 500 Kubikmeter grosser Felsen droht abzustürzen und dürfte nach aktueller Einschätzung Mitte nächster Woche gesprengt werden, wie SBB-Sprecher Christian Ginsig auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA sagte. Der Brocken gefährde die Bergung des verschütteten Arbeiters und die Aufräumarbeiten und müsse deshalb runter.

Beim Verschütteten handelt es sich um einen 29 Jahre alten Urner. Er arbeitete für eine der beiden Baufirmen, die Hangsicherungsmassnahmen nach einem früheren Felssturz ausführten.

Der Felssturz aus der Luft

Ob nach einer Sprengung noch weitere Sicherungsmassnahmen nötig sein werden, ist gemäss Ginsig offen. Experten werten zur Zeit Messdaten aus und erstellen ein geologisches Modell der Felspartie. Der Bergsturz oberhalb der Gotthardbahnlinie ereignete sich am Dienstag. Die Bahnstrecke dürfte mehrere Wochen unterbrochen sein.

Eine Option bleibt laut SBB der Einsatz eines ferngesteuerten Baggers zur Bergung des Vermissten. Dieses Gerät hätte den Vorteil, dass es unbemannt und trotz akuter Felssturzgefahr eingesetzt werden könnte. Der SBB-Sprecher dämpfte aber die Erwartungen: Das Absturzgebiet sei im engen Reusstal nicht leicht zugänglich. Ob der Bagger graben könne, ohne dass Gestein nachrutsche, sei auch offen.

Güterverkehr muss ausweichen

Bevor der Abschnitt gesichert ist, ist auch nicht an eine Wiederöffnung der Gotthardbahnlinie zu denken. Während Reisende über die Simplon-Linie - mit zeitlichem Mehraufwand - ins Tessin gelangen können, reicht die Kapazität bei den Güterzügen hinten und vorne nicht.

Rund ein Dutzend Güterzüge pro Tag werden über die Lötschberg- Simplon-Route umgeleitet. Für rund 90 Güterzüge pro Tag gibt es aber in der Schweiz keine Lösung für die Alpenquerung auf der Schiene. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die österreichische Brennerstrecke wegen Sanierungsarbeiten nur beschränkt offen ist.

Nebst der französisch-italienischen Mont-Cenis-Route prüfen die Unternehmen laut Ginsig vermehrt auch die östlichere Tauernroute, obwohl diese ein Umweg bedeutet. Die SBB macht den Kunden auch weniger populäre Fahrplanfenster beliebt: Güterzüge an einem Sonntag oder in der Nacht werden deshalb in nächster Zeit zunehmen.

Nicht zu umgehen sein wird, dass ein Teil des Güterverkehrs auf die Strasse verlagert wird. Beim Güterverkehrsunternehmen Hupac, das Container und Lastanhänger auf Zügen transportiert, geht aber die Angst um, dass sich die Rückverlagerung als permanent erweisen könnte.

Strasse hat Kapazität

Noch ist kein Anstieg der LkW-Fahrten am Gotthard festzustellen, wie es beim Bundesamt für Strassen (ASTRA) auf Anfrage heisst. In den katholischen Gebieten war der Donnerstag jedoch ein Feiertag. Erst in der nächsten Woche liessen sich Auswirkungen messen, sagte ASTRA-Sprecher Thomas Rohrbach.

Jedenfalls gibt es beim Schwerverkehr am Gotthard noch genügend zusätzliche Kapazität. Pro Richtung seien rund 2500 Lastwagenfahrten möglich, sagte Rohrbach. Momentan stehe man bei rund der Hälfte. Klar sei aber, dass 20 Prozent mehr Camionfahrten auf den Strassen spürbar und nicht angenehm wären.

Sollte sich die Wiedereröffnung bis zu den Sommerferien hinziehen, könnte es wegen des Ferienverkehrs zu einer merkbaren Mehrbelastung kommen. Auf Situationen wie die temporäre Schliessung der Gotthardbahnlinie seien die ASTRA-Spezialisten aber vorbereitet.

Zusätzlichen Verkehr auf den Tessiner Strassen fürchtet die Tessiner Regierung. Sie hat deshalb eine departementsübergreifende Arbeitsgruppe eingesetzt, welche die Situation überwachen und allfällige Massnahmen ergreifen und koordinieren soll, wie es in einem Communiqué heisst. (sda)

Kein Platz für 90 alpenquerende Güterzüge pro Tag

Die Schliessung der Gotthardbahnstrecke sorgt im Güterverkehr für grosse Engpässe. Rund 90 Güterzüge pro Tag können nicht über den Simplon umgeleitet werden und drei der vier Nord-Süd-Korridore sind nur beschränkt nutzbar. Viele Züge stecken im Ausland fest.

«Die Situation ist angespannt», sagte SBB-Sprecher Christian Ginsig am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Rund 120 Güterzüge würden täglich die Gotthardstrecke befahren. Er bestätigte damit einen Bericht von «Tages-Anzeiger» und «Der Bund».

Wegen der Sperre nach dem Felssturz müssen für diese Güter andere Wege gesucht werden. Rund 115 Güterzüge fahren derzeit pro Tag über die Lötschberg- und Simplontunnel - rund ein Dutzend davon sind normalerweise auf der Gotthardstrecke unterwegs.

Obwohl diese Ausweichroute bis auf den letzten Slot ausgelastet ist, müssen die Güterverkehrsfirmen laut Ginsig noch immer für rund 90 Züge eine andere Lösung finden.

Das kann beispielsweise einer der Alpenübergänge in Österreich und Frankreich sein. Doch auch da ist die Kapazität beschränkt: Wie beim Simplon seit längerem beschränken auch beim österreichischen Brennertunnel ab nächster Woche Sanierungsarbeiten die Kapazität. Die SBB rechnet deshalb damit, dass es dort kaum zusätzlichen Platz gibt.

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