14.08.2020 12:09

Mörderin kämpft für «kleine Verwahrung»«Am Mittwoch stellte ich mir vor, eine Frau zu erwürgen»

Tanja H.* (34) leidet unter Gewalt- und Tötungsfantasien. Weil sie 2008 einen Mann in Bern mit 100 Messerstichen tötete, sitzt die Frau derzeit in der JVA Hindelbank. Dort will sie auch bleiben, darum sagte sie am Freitag vor den Richtern aus.

von
Christian Holzer
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Seit ihrer Verurteilung ist H. in Hindelbank inhaftiert und wird dort therapiert. (Alle Bilder stammen aus der Justizvollzugsanstalt Hindelbank.)

Seit ihrer Verurteilung ist H. in Hindelbank inhaftiert und wird dort therapiert. (Alle Bilder stammen aus der Justizvollzugsanstalt Hindelbank.)

Tages-Anzeiger/Urs Jaudas
Die sogenannte kleine Verwahrung, in der sich die Frau befindet, dauert in der Regel fünf Jahre, kann aber vom Gericht mehrmals um maximal fünf Jahre verlängert werden.

Die sogenannte kleine Verwahrung, in der sich die Frau befindet, dauert in der Regel fünf Jahre, kann aber vom Gericht mehrmals um maximal fünf Jahre verlängert werden.

Tages-Anzeiger/Urs Jaudas
Diesen Freitag nun entscheidet das Regionalgericht Bern-Mittelland, ob die kleine Verwahrung der Mörderin um weitere fünf Jahre verlängert wird.

Diesen Freitag nun entscheidet das Regionalgericht Bern-Mittelland, ob die kleine Verwahrung der Mörderin um weitere fünf Jahre verlängert wird.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Tanja H.* sagte heute vor Gericht aus, damit sie fünf weitere Jahre in der JVA Hindelbank bleiben darf.
  • Die 34-Jährige tötete 2008 in einem Berner Park einen Mann mit 100 Messerstichen.
  • H. will lieber im Gefängnis bleiben, als in einer psychiatrischen Einrichtung verwahrt zu werden.
  • Alle Parteien haben den Antrag unterstützt. Die Richter haben das letzte Wort.

Die 34-Jährige wollte am Freitag persönlich anwesend sein und vorsprechen, wenn die Richter erwägen, ob sie weitere fünf Jahre im Frauengefängnis Hindelbank bleiben darf. 2008 tötete die damals 22-jährige Tanja H.* im Berner Florapark einen tamilischen Mann mit rund 100 Messerstichen. Einige Jahre zuvor hatte sie ihrem Bruder ein Messer in den Rücken gestossen. Seit ihrer Kindheit leidet die Zürcherin unter einer schweren Persönlichkeitsstörung mit intensiven Gewalt- und Tötungsfantasien – auch heute noch.

Vor den fünf Richtern wird die Frau mit Kurzhaarschnitt und ganz in Schwarz gekleidet gefragt, wann sie zuletzt solche Gedanken gehabt habe. «Am Mittwoch», sagt die verurteilte Mörderin mit ruhiger und freundlicher Stimme. Wie aus der Befragung hervorgeht, musste H. vor drei Tagen für eine Untersuchung längere Zeit in einem Wartezimmer verbringen. Gemeinsam im Raum habe auch eine andere Frau warten müssen. «Ich habe mir vorgestellt, sie zu erwürgen», sagt H. vor den Richtern. Aber sie habe ihre Handlungen mittlerweile unter Kontrolle. Mit verschiedenen Strategien könne sie heute solche Gedanken beiseiteschieben, wenn sie etwas triggere. «Ich konzentriere mich etwa auf Gegenstände, die rechtwinklig oder parallel sein sollten.»

Furcht vor der Aussenwelt

Das Richtergremium musste entscheiden, ob die stationäre psychotherapeutische Massnahme von H. erneut um fünf Jahre verlängert wird. Es wäre der Wunsch der Verurteilten. Die Alternative wäre eine Verwahrung in einer psychiatrischen Anstalt: «Ich lebe lieber in Hindelbank als in einer Psychiatrie.» Sie arbeitet heute in einem Bio-Betrieb, wohnt in einer Wohngruppe mit neun Personen zusammen und besitzt eine Katze, die sie «über alles liebt». Sie habe sich in der JVA Hindelbank in den letzten zehn Jahren viel aufgebaut und sei stolz darauf, dass sie sich nie etwas zuschulden habe kommen lassen und praktisch nie im Job fehlte.

Der vorsitzende Gerichtspräsident Urs Herren fragt: «Was ist Ihr Ziel, wenn wir die Massnahme nochmals bis 2025 verlängern?» H. antwortet, dass sie gern zwei statt wie bisher eine Therapiestunde pro Woche hätte. «Und dass ich nicht mehr auf dumme Gedanken komme.» Herren will wissen, ob sie sich denn nicht wünsche, wieder in Freiheit zu leben. «Natürlich, das wäre schon schön», antwortet H. Sie äussert jedoch auch ihr Unbehagen: «Ich habe den Bezug zur Aussenwelt verloren. Ich weiss nicht, was sie mit mir machen würde.» Grundsätzlich könne sie sich jedoch ein Leben mit mehr Freiheiten und einer begleiteten Therapie vorstellen.

Lob für die Mörderin

Es sind solche reflektierten Aussagen von H., welche die Anwesenden im Gerichtssaal des Regionalgerichts Bern-Mittelland beeindrucken. Nach der Anhörung waren sich alle Parteien im Saal einig, dass dem Antrag stattgegeben werden soll. Entsprechend fielen auch die Schlussplädoyers der Parteien aus: «Sie hat hart an sich gearbeitet, wohl härter als jeder von uns hier im Gerichtssaal», sagte etwa der Vertreter des Amts für Justizvollzug. Der Staatsanwalt sprach von einer jungen Frau, die ein schweres Schicksal zu tragen habe und auf dem richtigen Weg sei: «Wir bieten Ihnen eine Chance. Wenn Sie diese weiterhin so wahrnehmen, brauchen Sie keine Angst vor einer Verwahrung zu haben.»

Nur wenige Stunden nach de Verhandlung fällten die Richter bereits ihr Urteil: Das Gericht beschloss, die Massnahme von Tanja H. um weitere fünf Jahre zu verlängern.

Die «kleine Verwahrung»

Die Strafe eines psychisch schwer gestörten verurteilen Täters kann vom Gericht zugunsten einer stationären psychotherapeutischen Massnahme aufgeschoben werden. Dies nennt sich im Jargon eine «kleine Verwahrung». Voraussetzung dafür ist, dass der Täter ein Verbrechen begangen hat, das im Zusammenhang mit seiner psychischen Störung steht. Ausserdem muss zu erwarten sein, dass sich dadurch die Gefahr weiterer solcher Taten minimieren lässt. Die «kleine Verwahrung» kann nach Ablauf mehrmals um höchstens fünf weitere Jahre verlängert werden.

*Name der Redaktion bekannt

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