Flugsimulatoren-Revival: Am PC über die Schweiz fliegen
Aktualisiert

Flugsimulatoren-RevivalAm PC über die Schweiz fliegen

Jahrelang blieb es ruhig in den virtuellen Höhen. 2012 melden sich jedoch gleich zwei Flugsimulatoren zurück. Können sie es mit dem König der Lüfte, dem «Flight Simulator X», aufnehmen?

von
Jan Graber

Gewaltige Berghänge, schwindelerregende Abgründe, schroffe Felsen und weite Schneefelder breiten sich unter uns aus. Am Fenster ziehen Eiger, Mönch und Jungfrau vorbei. Dann kommt der Brienzersee in Sicht, das Grün der tiefen Lagen und die zersiedelte Landschaft. Nein, wir nehmen nicht an einem gemächlichen Alpenrundflug teil, sondern «sitzen» im Cockpit eines Flugzeugs des neusten Flightsimulators «aeroflyFS». Was sich unter uns ausbreitet, kommt einem realen Flug über die Schweizer Berge jedoch verblüffend nahe.

Risiko Flugsimulation

In dreijähriger Arbeit wurde der Flugsimulator «aeroflyFS» vom deutschen Unternehmen Ikarus entwickelt – von Null auf. Ein enormes Risiko: Sechs Jahre ist es her, seit mit dem «Microsoft Flight Simulator X» die letzte Flugsimulation erschienen ist, die dem Begriff gerecht wird. Drei Jahre später wurde dessen Entwicklungsstudio ACES aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Daraufhin war vorerst Ruhe am virtuellen Himmel; abgesehen von Add-ons und ein paar Kriegsspielen, die sich ihrerseits Militärjet-Simulationen nannten.

Umso mehr überrascht, dass nun gleich zwei neue Flugsimulationen am Horizont auftauchen: «aerofly FS» und «Microsoft Flight». Entwickelt wurde die jüngste Simulation aus dem Hause Microsoft zu einem grossen Teil von ehemaligen Mitarbeitern von ACES. «Es handelt sich um ein eigenständiges Produkt», verdeutlicht Mila Dimic von Microsoft Schweiz. Der «Flight Simulator X» werde parallel dazu weiterverkauft.

Hobbyflieger im Visier

Sowohl mit «Microsoft Flight» wie auch mit «aeroflyFS» wird ein ähnliches Zielpublikum angepeilt: flugaffine Spieler, die weder dicke Handbücher wälzen noch stundenlange Startvorbereitungen treffen wollen. Zumindest nicht ähnlich lange, wie die beiden Jungs, deren mittlerweile berühmt gewordenes YouTube-Video zeigt, wie sie eine A-10C Warthog im «Digital Combat Simulator» in die Luft zu bringen versuchen. Trotz vorgängigem Studium des Handbuchs dauert es eine halbe Stunde, bis der Vogel fliegt.

«AeroflyFs ist ein massentaugliches Produkt», sagt Rüdiger Götz von Ikarus und fährt fort: «Der Simulator ist einfach zu bedienen.» Monate Arbeit seien jedoch in die detaillierte Darstellung sowie ins physikalisch korrekte Verhalten investiert worden. Götz: «Selbst die Textur von Bedienelementen stimmt.» Stundenlang seien Profipiloten die virtuellen Kisten geflogen, bis das Flugverhalten mit der Realität übereinstimmte.

Nichts für Hartgesottene

Eine ähnliche Ausrichtung verfolgt Microsoft mit «Microsoft Flight»: Auch hier wurde Wert auf das optische Erscheinungsbild und das physikalisch richtige Verhalten gelegt und auch hier sollen sich vor allem Jungfrauen und Jungmänner der Lüfte wohl fühlen. Microsoft betont allerdings, das auch hartgesottene Piloten am Spiel Freude finden würden. Die starke Ausrichtung auf Gelegenheitsspieler lässt indessen vermuten, dass Profi-«Simulanten» auch weiterhin mit dem König der Lüfte, dem «FS X», abheben werden.

Völlig unterschiedliche Wege fliegen Microsoft und Ikarus indessen beim Verkaufsmodell: «aeroflyFS» wird als komplettes Werk inklusive Flugzeugen und Flughäfen angeboten – allerdings mit der Einschränkung, dass nur die Schweiz beflogen werden kann. Zudem lässt sich mit einer Cessna, einer F-18, einem Segelflieger und ein paar weiteren künstlichen Vögeln nur ein begrenzter Flugpark in die Luft bringen.

Geld fürs Fliegen

Microsoft setzt hingegen neu aufs Free-to-Play-Modell: Die Grundsoftware mit einer Flugregion um die Hawaiinseln gibts gratis. Wie viele Flugzeuge darin enthalten sind, will das Unternehmen noch nicht verraten. Für die erweiterte Spielerfahrung muss in die Tasche gegriffen werden: zusätzliche Regionen und Blechvögel gibts nur gegen Geld.

Welches Modell abheben wird, bleibt abzuwarten. Sowohl Ikarus wie auch Microsoft zeigen sich überzeugt, dass die Zeit für eine neue Flugsimulation reif ist. In diesem Sinn: Startet die Motoren!

Gametrailer «aeroflyFS»

Gametrailer «Microsoft Flight»

Halbstündiger Startversuch einer AC-10

(Quelle: YouTube.com)

Angespielt: «aeroflyFS»

«aeroflyFS» lässt Spieler im Cockpit von Propellermaschinen, Düsenjets und Segelfliegern in die Lüfte abheben. Gestartet wird von Schweizer Flugplätzen. Unter ihren Füssen breitet sich eine fotorealistisch gestaltete Landschaft aus, die vor allem aus grosser Höhe beeindruckt. Fliegt der Pilot näher an den Boden, wirkt das Mittelland allerdings zu flach und unnatürlich. Beeindruckend hingegen ist ein Flug durch die Alpen. Auf Wunsch können die Namen von Bergen und Städten eingeblendet werden.

Zwar bietet «aeroflyFS» einen Expertenmodus, welcher das Flugzeug entsprechend seinen physikalischen Eigenschaften bewegt. Eine wirkliche Herausforderung stellen die Flugmanöver indessen nicht dar. Da auch andere professionelle Funktionen, wie es sie im «MS Flight Simulator X» gibt, fehlen, richtet sich «aeroflyFS» vor allem an Flugfrischlinge und an jene, die sich einen echten Alpenrundflug nicht leisten wollen. Die Schweiz als Flugregion wurde laut Ikarus gewählt, weil es sich dabei um eine besonders spannende Flugregion handelt.

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