Alkohol: «Am Weihnachtsmarkt droht der Rückfall»
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Alkohol«Am Weihnachtsmarkt droht der Rückfall»

Trockene Alkoholiker haben es zurzeit nicht leicht: Überall lockt der Glühwein und Weihnachtsmärkte werden so zum Spiessrutenlauf.

von
qll
Weihnachtsmärkte werden für trockene Alkoholiker zum Spiessrutenlauf.

Weihnachtsmärkte werden für trockene Alkoholiker zum Spiessrutenlauf.

«Ich mache heute noch einen grossen Bogen um Weihnachtsmärkte», sagt eine trockene Alkoholikerin, die anonym bleiben will. «Weil ich Angst habe, wieder abzurutschen.» Nachdem sie vor einigen Jahren einen «heftigen Absturz» erlitt, habe sie aufgehört zu trinken. «Der Weg dorthin war sehr schwierig», so die ehemalige Alkoholikerin.

Aber auch nach vielen Jahren der Abstinenz führe der Geruch von Glühwein oder Rumpunsch dazu, dass sie das Verlangen nach Alkohol verspürt. Zudem seien nicht nur der Weihnachtsmarkt, sondern auch Weihnachten und Silvester eine grosse Herausforderung: «Man will in dieser Zeit ja nicht alleine sein», sagt sie. «Aber wenn alle um einen herum trinken, wird es gefährlich.» Es sei ein ständiger Kampf.

«143 verzeichnet mehr Anrufe»

Dass es an Weihnachten und während den Feiertagen für trockene Alkoholiker nicht einfach ist, kann Jürg Niggli, Geschäftsführer der Stiftung Suchthilfe St. Gallen, bestätigen: «Für Personen, die noch nicht gefestigt sind, kann die Weihnachtszeit problematisch werden», so Niggli. Die Absturzgefahr sei sehr nahe, weil Spannungen aufkommen könnten, die die eigene Kontrolle ausser Gefecht setzen. Noch gefährlicher sei es, eine «Ausnahme» zu machen: Der Satz «ich gönne mir nur ein Glas» sei sehr verhängnisvoll. Denn viele trockene Alkoholiker könnten nicht kontrolliert trinken und würden dann gleich wieder in eine tiefe Krise stürzen.

«In dieser schwierigen Zeit suchen viele Menschen Halt in einer Gruppe, beispielsweise bei den Anonymen Alkoholikern», so Niggli. Auch verzeichne «die dargebotene Hand» mehr Anrufe während den Feiertagen. Dabei gehe es den Hilfesuchenden vor allem darum, sich mit jemandem auszutauschen und die eigenen Gedanken zu ordnen.

Alternativen suchen

Dass es gerade zur Weihnachtszeit oder zu Silvester zu Komplikationen kommt, sei nicht verwunderlich: «Weihnachten hat es in sich», so Niggli. «Das Fest ist so emotional geladen wie kaum ein anderes.» Diese emotionale Aufladung zusammen mit Alkohol kann am Weihnachtsessen mit der Familie oder der Silvesterfeier zu einer Eskalation führen: «Wenn alle um einen herum trinken, ist die Versuchung gross mitzutrinken», so Niggli. «Und wenn dann ein trockener Alkoholiker plötzlich wieder trinkt, kann dieser schnell einmal die Kontrolle verlieren.» Deshalb käme es auch vermehrt zu häuslicher Gewalt. Niggli empfiehlt, einen kühlen Kopf zu bewahren und das Thema Alkohol rechtzeitig und ruhig in der Familie zu thematisieren, damit solche Situationen vermieden werden können.

Zudem kann es laut Vitus Hug, Bereichsleiter Beratung des Blauen Kreuzes St. Gallen/Appenzell, hilfreich sein, mit einer Strategie an den Weihnachtsmarkt oder an sonstige Feiern zu gehen. «Wenn ich genau weiss, welche Gefahr dort lauert, und mir dazu eine Strategie überlege, fällt es einem einfacher, seinen Gelüsten nicht nachzugeben», so Hug.

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