Hartes Buchgeschäft: Amazon presst die Verlage aus
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Hartes BuchgeschäftAmazon presst die Verlage aus

Amazon blockiert Bücher von missliebigen Verlagen. Wer den Rabattforderungen des Onlinehändlers nicht nachkommt, wird ausgelistet. Auch den Diogenes-Verlag hat es schon getroffen.

von
C. Landolt
Die Methoden eines Branchenriesen. Amazon blockiert schon mal Bücher von missliebigen Verlagen.

Die Methoden eines Branchenriesen. Amazon blockiert schon mal Bücher von missliebigen Verlagen.

Der mächtigste Buchhändler der USA erschreckt die Verlagsbranche mit seinen rigiden Praktiken: Amazon will die Bücher von einzelnen Verlagen billiger bekommen, als diese bereit sind, sie zu liefern. Insbesondere bei den E-Books sollen die Verhandlungen über Konditionen ins Stocken geraten sein.

Der Rabatt, den Buchverlage dem stationären Handel normalerweise einräumen, liegt zwischen 35 und 40 Prozent. Bisweilen verlangt Amazon zudem noch zusätzliche Gebühren für die Logistik oder für Sonderleistungen wie beispielsweise die Präsentation als Autor des Monats über vier Wochen. Amazon verlangt mit versteckten Rabatten bis zu 55 Prozent. Für den Literaturagenten Peter Fritz ist dieses Geschäftsgebahren skandalös. «Amazon presst die Verlage aus bis zum Letzten», sagt er dem Boersenblatt.de. Bisher war es in der Regel so, dass Amazon die Einnahmen im Verhältnis 70/30 aufgeteilt hat – 70 Prozent bekamen die Verlage, 30 Prozent Amazon. Das ist dem Konzern offenbar nicht mehr genug. E-Books sollen, so sieht es auch Fritz, künftig genauso rabattiert werden wie gedruckte Bücher – nach der Formel fifty-fifty.

Das Prinzip der tödlichen Umarmung

Besteht keine Aussicht auf einen Kniefall des Geschäftspartners, scheut sich der mächtigste Buchhändler der USA auch nicht davor, das Buch kurzerhand gar nicht mehr anzubieten – der Button zum Kauf verschwindet, das Buch wird ausgelistet. 2004 traf es den Diogenes-Verlag. Amazon verlangte noch mehr Nachlass, der kleine Verlag aus Zürich weigerte sich. Die Folge: Amazon nahm sämtliche Diogenes-Bücher von der Liste. Monate danach kam eine Einigung zustande. Über die Details der Einigung besteht Stillschweigen.

Jetzt will Amazon laut FAZ beim amerikanischen Hachette-Verlag und dessen schwedischem Pendant Bonnier bei der Belieferung mit E-Books höhere Rabatte erzwingen. Zu Bonnier gehören bekannte Verlage wie Ullstein, Piper, Berlin und Carlsen. Um Druck auf Bonnier auszuüben, würden seit Anfang Mai zahlreiche Titel nur mit langen Lieferfristen verkauft, obwohl die jeweiligen Titel problemlos vorrätig wären. Tatsächlich: Der Titel «Harry Potter und der Stein der Weisen» etwa braucht verdächtige neun Tagen, ehe er geliefert wird. Der Bestseller des Schweizer Autors Joel Dicker, «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert», ist ebenfalls nicht sofort lieferbar, obwohl er vorrätig ist.

Aktionäre verstimmt

Der Grund für die aggressive Politik von Amazon ist wohl im Bestreben, die Bilanz zu verbessern, zu sehen. Denn die Aktien fielen um rund 25 Prozent im ersten Quartal und sind seit Monaten unter Druck. Das verstimme die Aktionäre, die sich in «einem seismischen Schock» befänden, wie die «New York Times» schreibt. Wegen hoher Investitionen kann der grösste Internethändler der Welt die rasant steigenden Einnahmen kaum zu Geld machen.

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