«Time-out»: Ambris Finanzsorgen - alles nur Theater
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«Time-out»Ambris Finanzsorgen - alles nur Theater

Vergessen Sie alles, was Sie in den letzten Wochen und Tagen über Ambris Geldsorgen gehört haben. Applaudieren Sie besser Ambris Präsidenten, dem Demagogen Filippo Lombardi.

von
Klaus Zaugg
Filippo Lombardi wird Ambri nicht sterben lassen.

Filippo Lombardi wird Ambri nicht sterben lassen.

Der grosse Hockey-Demagoge Filippo Lombardi bietet uns das beste Wahlkampfspektakel, das unser Hockey je gesehen hat. Damit kein Missverständnis aufkommt: Wir verwenden hier das Wort Demagoge ausschliesslich im positiven, antiken Sinne: Demagoge, also ein grosser Redner und eine politische Führungspersönlichkeit zu sein, war ein Ehrentitel.

Ambri braucht angeblich bis Ende Monat 1,5 bis 2 Millionen Franken. Am besten gleich subito. Sonst könnten die Lichter ausgehen. Excusez l'expression: Aber das ist, bei Lichte besehen, barer Unsinn.

Lombardi auf den Spuren Hollywoods

CVP-Ständerat Filippo Lombardi inszeniert Ambris wirtschaftliche Not wie ein Hollywood-Regisseur. Oder noch boshafter gesagt: Er missbraucht Ambris Not für die kommenden National- und Ständeratswahlen. Es hat mit der meisterhaft orchestrierten «Hockey-Landsgemeinde» in Giornico begonnen. Dort hat Lombardi am symbolträchtigen Ort der legendären Schlacht Ambris Anhänger befragt, wie es weitergehen soll – und er hat, wie nicht anders zu erwarten war, vom Fuss- und Stimmvolk den Auftrag bekommen, Ambri in der NLA zu erhalten (20 Minuten Online berichtete).

Und nun werden theatralisch Fristen gesetzt. Ambri brauche bis zum 30. Juni 1,5 Millionen bis 2 Millionen Franken. Sonst sei die Spielbewilligung für die nächste Saison nicht gesichert.

Alles nur Theaterdonner

Die unselige Lizenz-Kommission der Liga lässt sich in Lombardis Schauspiel einspannen und verkündet durch Liga-Manager Patrick Reber, man begleite Ambri beim Sanierungsprozess «sehr eng» und man verlange Transparenz. Ja, ja und potz Donner, jetzt gelte es Ernst. Damit wird auch von offizieller Seite die Angst geschürt, die Spielbewilligung für die nächste Saison könnte je nach Wasserstand der Finanzen tatsächlich entzogen werden. Erstaunlich ist eigentlich nur, dass Lombardi die Angst nicht noch mit der Drohung schürt, allenfalls Spieler wie Gregory Hofmann, Paolo Duca oder Inti Pestoni aus laufenden Verträgen heraus nach Lugano oder Bern zu verkaufen. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Dabei ist alles nur Theaterdonner. Natürlich hat Ambri finanzielle Sorgen. Aber das hat dieser Kultklub seit Beginn seiner Existenz (Gründung 1937) und wird er noch im 22. Jahrhundert haben. Das ist also kein wirkliches Problem. Zumal die Liga-Lizenzkommission weder den Mut noch die rechtliche Grundlage hat, um dem als Aktiengesellschaft konstituierten Ambri die Lizenz zu verweigern, solange diese AG nicht in Konkurs oder in die Nachlassstundung fällt. Die Lizenzkommission ist eine Institution, die gerne wegen der Finanzlage NLA-Klubs anbellt. Aber noch nie gebissen hat. Und nie beissen wird.

Das Warten auf die hohen Geldbeträge

Gewiss, Ambri wäre in Not, wenn nicht Jahr für Jahr wohlbestallte Männer für schöne sechsstellige Betriebszuschüsse und hin und wieder für eine siebenstellige Erhöhung des Aktienkapitals sorgen würden. Doch dieses Geld wird auch dieses Jahr so sicher fliessen, wie im Herbst der erste Schnee in der Leventina fällt. Ob es genug Schnee geben wird auf den Skipisten ob Airolo, wissen wir noch nicht. Fest steht nur: Es wird genug Geld geben für den Hockey-Zirkus in der Valascia.

Es ist seit Jahren ein ungeschriebenes Gesetz, dass Ambris Präsident mit der Amtsübernahme auch die wirtschaftliche Existenz Ambris garantiert. Das hat schon viele ehrbare Männer viel Geld gekostet – dafür hat es ihren Ruhm im Tal gemehrt.

Politik mit Ambri-Fans

Je grösser nun der schlaue Filippo Lombardi Ambris Not in den Medien zelebriert, desto heller wird der Ruhm des Retters erstrahlen. Und dieser Retter wird Lombardi sein. Der CVP-Ständerat wird Ambri gleich einem Hockeygott im Laufe des Sommers erretten. Wohlan, das wird seiner Tessiner CVP für die National- und Ständeratswahlen im Herbst Rückenwind geben. Die Segel werden sich blähen. Jeder Ambri-Fan steht dann in der Pflicht, die CVP-Liste in die Urne zu werfen – auch dann, wenn er im Herzen ein Lega-Fan sein sollte.

Ganz nebenbei kommt mit den verschiedenen, von Filippo Lombardi in seinem Medien-Imperium (Tele Ticino, Giornale del Popolo) orchestrierten Operetten-Bettelaktionen noch ein bisschen Geld in die Kasse. Das schadet nie. Doch den fehlenden Betrag wird am Ende des Tages der Freundeskreis dieses «Alpen-Berlusconi» zahlen. Ein CVP-Ständerat kann ja nicht ein paar Monate vor den National- und Ständeratswahlen Ambri in den Konkurs oder freiwillig in die NLB oder in die 1. Liga führen. Das wäre für die Tessiner CVP im kommenden Wahlkampf verheerender als ein von Christoph Blocher angeregtes EU-Beitrittsgesuch für die SVP.

Ein Stück faszinierender Sportkultur

Vergessen wir also alles, was wir über Ambris finanzielle Not gehört haben und freuen wir uns mit Ambri auf die neue Saison. Und natürlich danken wir Filippo Lombardi und seinen Freunden, dass sie uns Ambri erhalten. Sie alimentieren nicht nur ein Sportunternehmen. Sie erhalten ein Stück faszinierender Sportkultur. Eigentlich müsste ein Mann mit den Beziehungen Filippo Lombardis dafür ein Kantons- oder Bundes-Kulturkässeli anzapfen können.

Ambris Aktionen

Der HC Ambri-Piotta sammelt unter dem Motto «Wir haben Ambri im Herzen» Geld mit verschiedenen Mitteln. Unter anderem gibts eine SMS-Aktion und der Klub versteigert via Ricardo jetzt persönliche Gegenstände von Spielern.

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