Aktualisiert 13.02.2009 12:19

Abraham LincolnAmerika feiert seinen «Nationalheiligen»

Keinen Vorgänger bewundert US-Präsident Barack Obama mehr als Abraham Lincoln, dessen 200. Geburtstag am 12. Februar mit zahlreichen Festivitäten im ganzen Land begangen wird.

von
Peter Blunschi

Die Geschichte meint es gut mit Barack Obama: Kaum hat er seinen Amtseid auf die Bibel von Abraham Lincoln abgelegt, kann er als erster schwarzer US-Präsident an den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des grossen Sklavenbefreiers am 12. Februar teilnehmen. Der Tag beginnt um 8 Uhr mit einer Kranzniederlegung am Lincoln Memorial in Washington und endet mit einer grossen Geburtstagsparty in Springfield (Illinois) – jenem Ort, an dem beide ihre politische Karriere begonnen hatten.

Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit Obamas mit dem sowohl körperlich (ca. 1,90 Meter) als auch historisch «grössten» Präsidenten der Geschichte. Beide stammten aus Sicht ihrer Zeitgenossen aus dem fernen Westen: Lincoln wurde 1809 in einer Blockhütte in Kentucky geboren, Obama 1961 auf der Pazifikinsel Hawaii. Beide machten in Illinois Karriere als Anwalt, beide wurden bekannt als glänzende Redner, und beide wurden ohne grosse Erfahrung in der nationalen Politik zum Präsidenten gewählt.

«Wie ein Dieb in der Nacht»

Obama allerdings hat eine erstklassige Ausbildung erhalten. Abraham Lincoln hingegen hatte laut eigenem Bekunden weniger als ein Jahr seines Lebens eine Schule besucht. Er bildete sich im Selbststudium zum Anwalt aus. Als der Republikaner 1860 zum Präsidenten gewählt wurde, profitierte er von den Umständen. Die Demokraten – die Partei der Sklavenhalter – hatten sich in der aufgeheizten Sklaverei-Debatte gespalten, Lincoln fielen die Wahlmännerstimmen in den Nordstaaten beinahe kampflos zu.

Während Barack Obama bei seiner Vereidigung wie ein Popstar gefeiert wurde, klagte Lincoln, er habe sich «wie ein Dieb in der Nacht» in die US-Hauptstadt schleichen müssen. Für den Süden war seine Wahl eine Provokation. Obwohl ein Gegner der Sklaverei, erklärte sich Lincoln um des Friedens willen dazu bereit, den Status Quo weiterzuführen. Es war vergeblich: die Südstaaten verliessen die Union und begannen den Sezessionskrieg, der über 600 000 Opfer forderte und erst 1865 mit dem Sieg des Nordens endete.

Zugänglich und unerreichbar

In dieser wohl finstersten Zeit des Landes wurde Abraham Lincoln zum «Nationalheiligen – halb Mensch, halb Mythos», so die «Washington Post». Seine Prinzipientreue – man nannte ihn nicht umsonst «Honest Abe» - und Klugheit machten ihn schon zu Lebzeiten populär. Er legte den Grundstein für das moderne Amerika und sprach sich für die Versöhnung von Nord und Süd aus. Seine Ermordung durch den fanatischen Südstaatler John Wilkes Booth am 14. April 1865 verhinderte, dass sie in seinem Sinn umgesetzt wurde – zumal es weit und breit niemanden mit seinem Format gab.

Gleichzeitig bleibt Lincoln für viele ein Mysterium. «Er ist gleichzeitig zugänglich und unerreichbar», sagte der Historiker Harold Holzer der «Washington Post». Einiges an ihm bleibt widersprüchlich. Er war gegen die Sklaverei, wollte die Schwarzen aber am liebsten nach Afrika zurückschicken. Und er sprach oft über Religion, war aber zeitlebens nie Mitglied einer Kirche. Lincoln neigte ausserdem zu Depressionen und hatte lange keine glückliche Hand bei der Wahl seiner Generäle.

Rivalen ins Kabinett

Selbst über seine Sexualität spekulieren die Forscher. Vor einigen Jahren sorgte die These für Aufsehen, dass Abraham Lincoln – immerhin Vater von vier Söhnen – wegen seines oft schwierigen Verhältnisses zu Frauen und seiner engen Beziehung zu Männern homosexuell war. Es gibt kaum einen Aspekt in Lincolns Leben, der nicht gründlich ausgeleuchtet wurde. Die für die 200-Jahrfeier zuständige Kommission schätzt, dass bis heute rund 16 000 Bücher über den 16. Präsidenten veröffentlicht wurden.

Einige hatte Barack Obama während des Wahlkampfs im Gepäck, darunter eines über Lincolns Regierung. Zu dessen cleversten Schachzügen gehörte, dass er Rivalen ins Kabinett holte. Seinen schärfsten Widersacher William Seward machte er zum Aussenminister. Seward vertrat zuvor den Staat New York im Senat – genau wie Hillary Clinton, Barack Obamas härteste Rivalin und heutige Aussenministerin.

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