National Football League: Amerika tobt wegen Amateur-Schiris
Aktualisiert

National Football LeagueAmerika tobt wegen Amateur-Schiris

Grümpelturnier-Schiris in der Champions League? Im US-Profifootball ist dies Realität. Ein Skandalentscheid lässt den Volkszorn nun endgültig überkochen.

von
Peter Blunschi
New York

Wer schnödet nicht gerne über die Schiedsrichter? In der Super League haben mehrere strittige Strafraum-Szenen am letzten Wochenende für Diskussionsstoff gesorgt. Doch das sind Peanuts verglichen mit der Debatte, die derzeit die USA beschäftigt. In der National Football League (NFL), der populärsten und lukrativsten Liga des Landes, findet wie in der NHL ein Lockout statt. Anders als im Eishockey sind nicht die Spieler betroffen, sondern die Schiedsrichter. Sie streiten mit der Liga um mehr Lohn und Geld für ihre Pensionskasse.

Seit Saisonbeginn am 5. September sind deshalb Ersatz-Schiedsrichter im Einsatz, darunter erstmals eine Frau. Weil sich die Unparteiischen des halbprofessionellen College-Football mit ihren NFL-Kollegen solidarisch zeigen, müssen sie aus Amateur-Ligen und dem Nachwuchsbereich rekrutiert werden. Fans und Experten schwante schon während der Saisonvorbereitung Übles, und tatsächlich: Die Ersatz-Refs sind auf dem Profi-Niveau völlig überfordert. Immer wieder kommt es zu kuriosen bis ärgerlichen Fehlentscheiden.

Ein Touchdown, der keiner war

Das Fass zum Überlaufen brachte am Montag ein Skandalurteil in der Schlussphase der Partei zwischen den Seattle Seahawks und den Green Bay Packers. Acht Sekunden vor Spielende warf Seattle-Quarterback Russel Wilson beim Stand von 12:7 für Green Bay einen so genannten «Ave Maria»-Pass über rund 60 Yards in die gegnerische Endzone. Ein Packers-Verteidiger fing den Ball ab, doch auch ein Seahawks-Angreifer hatte die Hand am ovalen Leder. Und bei gleichzeitigem Ballbesitz gilt in der NFL die Devise: Im Zweifel für den Angreifer.

Ein Linienrichter entschied auf Touchdown, ein anderer dagegen sah den Verteidiger im Vorteil. Nach mehrminütigem Videostudium kam der Hauptschiri zum Schluss: Touchdown und damit Sieg für die Seahawks. Ein Entscheid, den ausserhalb von Seattle kein Mensch verstand. Denn das Video zeigt, dass der Packers-Verteidiger den Ball eindeutig als erster gefangen und auch an die Brust gedrückt hatte. Das Verdikt hätte zu Gunsten von Green Bay ausfallen müssen. Sogar die Liga räumte dies am Dienstag ein. Sie betonte aber, es handle sich um einen Tatsachenentscheid, der nicht rückgängig gemacht werden könne.

Betrug an den Fans

Doch der Volkszorn lässt sich damit nicht besänftigen. Die Debatte verdrängt sogar den Präsidentschafts-Wahlkampf aus den Schlagzeilen. Einzelne Kommentatoren sprachen mit typisch amerikanischer Übertreibung vom «schlimmsten Fehlentscheid in der Geschichte der NFL». Packers-Coach Mike McCarthy schäumte: «So was habe ich in vielen Jahren Football noch nicht gesehen. Das ist schwer zu ertragen.» Man solle ihn bloss nicht nach den Schiedsrichtern fragen, fügte er an. Mit gutem Grund: Sein Kollege John Fox von den Denver Broncos kassierte eine Geldstrafe, weil er die Refs verbal attackiert hatte.

Weniger diplomatisch äusserten sich diverse Spieler, sie sprachen von «Betrug» an den Fans. «America's Game» werde durch den Streit um ein wenig Geld «beschmutzt», schimpfte Packers-Quarterback Aaron Rogers. Der Ärger ist verständlich, denn die Football-Saison ist kurz, sie dauert fünf Monate, Playoffs inbegriffen. In der Regular Season kommen die Teams nur auf 16 Spiele, da kann sich jede Niederlage verhängnisvoll auswirken.

Auch über die Unparteiischen wurden neue Details bekannt. Jener Linienrichter, der auf Touchdown entschieden hatte, arbeitet bei einer Bank und hat bislang nur Juniorenspiele geleitet. Und die Lingerie Football League teilte mit, einige Ersatz-Schiris in der NFL seien von ihr wegen «Inkompetenz» gefeuert worden. In der «Unterwäsche-Liga» geht es mehr um Show als um Sport, weshalb selbst der Vergleich mit Grümpelturnier-Schiris, die plötzlich in der Champions League pfeifen müssen, nicht übertrieben wirkt.

Es geht auch um Macht

Die Politik hat sich ebenfalls eingeschaltet. Im Parlament des Bundesstaats New Jersey wurde ein Vorstoss eingereicht, der den Einsatz von Ersatz-Refs per Gesetz verbieten will. Argumentiert wird mit der Sicherheit der Spieler. Tatsächlich könnte die Überforderung der Schiris dazu führen, dass einzelne Spieler es mit dem Körpereinsatz übertreiben. Selbst die beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney forderten Liga und Schiedsrichter am Dienstag in seltener Einigkeit dazu auf, ihren Lohnstreit beizulegen.

Die letzte Verhandlungsrunde am Sonntag endete jedoch einmal mehr ohne Ergebnis. Für das Magazin «The Atlantic» geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Macht. NFL-Boss Roger Goodell habe letztes Jahr im Arbeitskampf mit den Spielern eine schwere Niederlage erlitten und wolle deshalb gegenüber den Unparteiischen hart bleiben. Doch der Druck wächst – und mit jedem Spieltag haben die Schiris mehr Argumente auf ihrer Seite.

Update 27.9.: Die Football-Fans können aufatmen. In der Nacht auf Donnerstag haben sich die NFL und der Verband der Profi-Schiedsrichter im Tarifstreit geeinigt. Damit ist der Lockout beendet und die professionellen Referees kehren per sofort aufs Spielfeld zurück.

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