Kriegsheimkehrer: «Amerika verliert den Kampf gegen den Suizid»

Aktualisiert

Kriegsheimkehrer«Amerika verliert den Kampf gegen den Suizid»

Alle 80 Minuten nimmt sich ein US-Veteran das Leben. Obwohl die Gründe bekannt sind, tun sich die Behörden schwer. Dabei steht die Heimkehr Zehntausender Soldaten aus Afghanistan und dem Irak bevor.

von
kri

Das Kriegsveteranenministerium der USA geht davon aus, dass sich alle 80 Minuten ein Kriegsheimkehrer das Leben nimmt. Das ist eine Schätzung, denn nicht alle Bundesstaaten liefern präzise Daten. Während die Meinungen über Ursachen und Lösungen auseinander gehen, besteht am zentralen Befund kein Zweifel: Nur 1 Prozent der amerikanischen Bevölkerung hat Militärdienst geleistet, aber Kriegsveteranen machen 20 Prozent aller Suizide aus. Die Zahlen sind seit Beginn der Kriege in Afghanistan und im Irak zudem sprunghaft angestiegen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass drei Faktoren einen Menschen im Normalfall davon abhalten, sich das Leben zu nehmen: Zugehörigkeit, das Gefühl, gebraucht zu werden und die Aversion gegen Schmerz und Tod. Das Center for a New American Security schreibt in einer aktuellen Studie, dass ein Kriegseinsatz fatalerweise alle drei Barrieren eliminieren kann.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Armee ist grundsätzlich stark ausgeprägt. Umso schmerzvoller wiegt der Verlust dieses Umfelds nach der Heimkehr. Auch die gefühlte Distanz zwischen Heimkehrern und Zivilisten spielt hier hinein. Ebenso kann die grosse Verantwortung, die selbst junge Soldaten in einem Kriegseinsatz übernehmen, nach dem Wiedereintritt in die zivile Arbeitswelt zu einem Gefühl der Nutzlosigkeit führen. Das gilt insbesondere für arbeitlose Veteranen, zumal diese von der schlechten Konjunktur in den USA stärker betroffen sind als Zivilisten. Selbst den stärksten der drei Faktoren können Kriegserfahrungen ausser Kraft setzen. Schmerz, Gewalt und Tod sind ständige Begleiter im Irak und in Afghanistan und können einen Menschen mit der Zeit abstumpfen.

Psychische Probleme sind ein Tabu

Die Studie verweist auf zahlreiche, armee-interne Faktoren, welche die Suizid-Prävention behindern. Das Bedürfnis nach psychologischer Unterstützung ist offenbar gross. Die Helpline des Kriegsveteranenministeriums verzeichnete innerhalb von drei Jahren über 144 000 Anrufe. Doch sobald es um konkrete Hilfestellung geht, werden die Veteranen plötzlich zurückhaltend: So sollen doppelt so viele in anonymen Fragebögen psychische Probleme eingestanden haben als im offiziellen Austrittsgespräch nach einem Kriegseinsatz.

Eine mögliche Erklärung für diese Diskrepanz ist der nach wie vor verkrampfte Umgang mit psychischen Problemen. Das selbe Phänomen existiert in der zivilen Welt, aber im Militär ist es naturgemäss noch ausgeprägter. Wer sich für professionelle Hilfe entscheidet, muss oftmals den Spott von Kameraden über sich ergehen lassen. 43 Prozent der Soldaten, die sich 2010 das Leben nahmen, verzichteten im letzten Monat vor ihrem Tod auf psychologische Betreuung, hält das US-Verteidigungsministerium in einem Bericht fest.

Ein weiteres Problem ist die Gesetzeslage: Die Regierung darf beispielsweise keine Informationen über den privaten Waffenbesitz unter Veteranen sammeln. Dabei wurden 2010 fast die Hälfte aller Suizide nicht mit Dienstwaffen, sondern mit Privatwaffen begangen. Auch das Arztgeheimnis erschwert die Prävention, da Vorgesetzte nicht über den Zustand ihrer Soldaten informiert werden dürfen. Eine Gesetzesänderung wäre möglich, würde aber das Problem der Stigmatisierung wieder verschärfen: Militärpsychologen haben angedeutet, dass sich viele Soldaten gegen professionelle Hilfe entscheiden könnten, wenn sie wissen, dass ihr Vorgesetzter darüber informiert wird.

Gefahr für die Freiwilligenarmee

Die Gefahren, die einem Freiwilligenheer aus solchen Befunden erwachsen kann, hatte schon Gründungsvater George Washington umschrieben: «Die Bereitschaft junger Menschen in den Krieg zu ziehen, egal wie gerechtfertigt dieser sein mag, verhält sich proportional zu ihrer Wahrnehmung, wie Veteranen vergangener Kriege von ihrem Land behandelt und wertgeschätzt werden.» Amerika sei dabei, den «Kampf gegen den Suizid zu verlieren», konstatiert das Center for a New American Security am Schluss seiner Studie. Mit der bevorstehenden Heimkehr Zehntausender Soldaten aus dem Irak und Afghanistan sei die Zeit gekommen, das Problem «effektiver» und mit «grösserer Dringlichkeit» anzugehen.

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