«Obamas Bosnien»: Amerikaner wollen nicht in den Syrien-Krieg
Aktualisiert

«Obamas Bosnien»Amerikaner wollen nicht in den Syrien-Krieg

Der Druck auf Barack Obama wächst, in Syrien militärisch einzugreifen. Der US-Präsident aber will davon nichts wissen – Amerikas Wähler sind kriegsmüde.

von
Peter Blunschi
Barack Obama am Montag bei einer Rede vor dem Vietnam Memorial in Washington, das vor 30 Jahren vollendet wurde.

Barack Obama am Montag bei einer Rede vor dem Vietnam Memorial in Washington, das vor 30 Jahren vollendet wurde.

Noch vor einem Jahr war Barack Obama stolz darauf, dass die USA und ihre Verbündeten in Libyen schnell und entschlossen eingegriffen hatten. In den 90er Jahren in Bosnien habe es mehr als ein Jahr gedauert, bis die internationale Gemeinschaft mit Luftangriffen zum Schutz der Zivilbevölkerung eingegriffen habe. «Wir haben 31 Tage gebraucht», sagte Obama. Der Konflikt in Syrien dauert bald 15 Monate und verläuft weit blutiger. Doch selbst nach dem Massaker in Hula am Wochenende zeigen die USA keine Anstalten, militärisch einzugreifen.

Der Vergleich mit dem Jugoslawien-Krieg fällt deshalb zunehmend auf den Präsidenten zurück. Syrien werde zu «Obamas Bosnien», schrieb die «New York Times», und das «Wall Street Journal» verglich Hula mit dem Massaker von Srebrenica. Einzelne US-Politiker haben die Nase voll: Die Senatoren John McCain und Joseph Lieberman forderten, dass die USA die syrische Opposition mit Waffen ausrüsten. Es sei «peinlich», dass die USA keine entschlosseneren Schritte unternommen hätten, um den Menschen in Syrien zu helfen.

Der Republikaner McCain und der parteilose Ex-Demokrat Lieberman gehören zu den «üblichen Verdächtigen», die stets als erste nach einer US-Intervention rufen. Ihnen und anderen «Falken» gab Obamas Pressesprecher Jay Carney zu bedenken, dass ein solcher Schritt «grösseres Chaos und grösseres Blutvergiessen» zur Folge haben werde. Auch Analysten warnen, dass Syrien ein weit schwierigerer Fall sei als Libyen. Baschar Assads Reich ist ein ethnisch und religiös komplexes Gebilde in einer strategisch heiklen Region.

Stärkere Armee, schwächere Opposition

Die syrische Armee gilt als deutlich stärker als die Streitkräfte von Muammar Gaddafi. Das betrifft nicht zuletzt die Fliegerabwehr, die mit russischen Lenkwaffen ausgerüstet ist. Nur schon die Einrichtung einer Flugverbotszone wäre deshalb mit grossen Risiken verbunden. Gleiches gilt für Luftangriffe, die zudem durch die Tatsache erschwert werden, dass die Kämpfe sich vorwiegend in bewohnten Gebieten abspielen. Die Wahrscheinlichkeit wäre gross, dass Zivilisten getroffen werden. Und der Einsatz von Bodentruppen ist ohnehin tabu.

Umgekehrt ist die Opposition schwächer als in Libyen. Es gibt keine klare Führung, ihre Struktur ist unübersichtlich, und einzelne Elemente unter den Rebellen gelten als Verbündete des Terrornetzwerks Al Kaida. Nicht zuletzt aus diesem Grund schrecken die USA davor zurück, die Aufständischen zu bewaffnen. «Nicht alle vertreten die demokratischen Interessen der grossen Mehrheit des syrischen Volkes», betonte Carney. Ausserdem besteht die Gefahr, dass Assad auf Waffenlieferungen mit noch grösserer Brutalität reagieren wird.

70 Prozent gegen Syrien-Einsatz

Trotzdem forderte Mitt Romney, Obamas republikanischer Rivale bei der Präsidentschaftswahl im November, eine Bewaffnung der Rebellen. Amerika verhalte sich passiv, während die Welt nach Führung verlange, kritisierte er am Mittwoch auf Fox News. Doch selbst Republikaner mahnen, dass sich Romney damit auf heikles Terrain begibt. Ein Sprecher von Obamas Wahlkampfteam bezeichnete seine Äusserungen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters als «verantwortungslos und rückwärtsgewandt».

Der Präsident setzt im Wahljahr darauf, dass die Amerikaner von einem neuen Krieg nichts wissen wollen. Nach Ansicht von Reuters handelt es sich um «eine gute Wette». Nach mehr als zehn Jahren Kampf in Afghanistan und Irak sind die Menschen kriegsmüde. Ein Eingreifen in Syrien wird laut Umfragen von rund 70 Prozent abgelehnt. Schon der Libyen-Einsatz war unpopulär, obwohl keine Bodentruppen involviert waren. Die Amerikaner verlangen, dass ihr Präsident sich in erster Linie um die schwache Wirtschaft kümmert.

Lösung wie im Jemen?

Barack Obama nahm diese Befindlichkeit am Montag auf. Am Veteranengedenktag betonte er, die USA würden ihre Truppen nur noch in «absolut notwendige» Kriege schicken. Syrien gehört offenbar nicht dazu. Obama hofft dort auf eine «jemenitische Lösung». Russlands Präsident Wladimir Putin soll seinen Verbündeten Baschar Assad zu einem freiwilligen Machtverzicht nach dem Vorbild von Ali Abdullah Saleh bewegen. Tatsächlich scheint Moskau die Geduld langsam zu verlieren. Doch der Assad-Clan hat Syrien weit stärker im Griff als Saleh den Jemen mit seinen dominierenden Stammes-Strukturen.

Deshalb deuten alle Zeichen auf eine Eskalation hin, ohne dass Friedensnobelpreisträger Obama eingreifen wird. Unter den Beratern des Präsidenten ist man sich laut «New York Times» durchaus im klaren, dass der Punkt erreicht werden könnte, an dem eine aggressivere Reaktion notwendig wird. Wann dies so weit ist, bleibt strittig. Eine Möglichkeit wäre ein Übergreifen des Konflikts auf Nachbarländer wie den Libanon, die Türkei oder Jordanien. Ein Ende des Blutvergiessens ist vorerst nicht in Sicht.

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