Aktualisiert 24.05.2019 06:38

Drohende Katastrophe

Amerikanischer Atomsarg zeigt gefährliche Risse

Auf den Marshallinseln existiert ein riesiges Lager radioaktiver Abfälle von oberirdischen Atomtests. Jetzt droht es undicht zu werden.

von
jcg
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Seit rund 40 Jahren bedeckt ein Betondeckel ein riesiges Atommülllager auf der Insel Runit im Eniwetok-Atoll der Marshallinseln im Pazifik.

Seit rund 40 Jahren bedeckt ein Betondeckel ein riesiges Atommülllager auf der Insel Runit im Eniwetok-Atoll der Marshallinseln im Pazifik.

James P. Blair
Das Atommülllager entstand, als etwa 85'000 Kubikmeter radioaktiv verseuchtes Erdreich und 4500 Kubikmeter verseuchter Schutt in einen Bombenkrater gekippt wurden.

Das Atommülllager entstand, als etwa 85'000 Kubikmeter radioaktiv verseuchtes Erdreich und 4500 Kubikmeter verseuchter Schutt in einen Bombenkrater gekippt wurden.

PD
Der Krater (u.) ist entstanden, als am 5. Mai 1958 zu Testzwecken die Cactus-Bombe zur Detonation gebracht wurde.

Der Krater (u.) ist entstanden, als am 5. Mai 1958 zu Testzwecken die Cactus-Bombe zur Detonation gebracht wurde.

AP/str

Der Welt droht eine Umweltkatastrophe, deren Ursprung viele Jahrzehnte zurückliegt. Von 1946 bis 1958 zündeten die Vereinigten Staaten auf den Marshallinseln im Pazifik zu Testzwecken 67 Atombomben. Es war Kalter Krieg und wie die anderen Atommächte nahmen die USA dabei wenig Rücksicht auf die Umwelt. So entledigte man sich der radioaktiven Abfälle, indem man sie einfach in einen Bombenkrater kippte. Problem gelöst.

Inzwischen zeigt sich, dass das keine so gute Idee war. Zwar wurde der Krater Ende der 1970er-Jahre mit einem 46 Zentimeter dicken Betondeckel abgedeckt, doch der zeigt heute bedenkliche Risse. Ausserdem wurde der Krater nach unten und zur Seite nicht abgedichtet, da man damals davon ausging, ihn nur für eine begrenzte Zeit als Deponie zu nutzen. Es wird befürchtet, dass deshalb bereits Meerwasser in den Atomsarg eingedrungen ist.

Deckel vom Weltall sichtbar

Die Gefahr, die von diesem Atommülllager ausgeht, wurde vom UNO-Generalsekretär António Guterres im Rahmen eines Besuchs verschiedener Pazifikstaaten aufs Parkett gebracht. «Ich war gerade bei der Präsidentin der Marshallinseln, die sehr besorgt ist über das Risiko, dass radioaktives Material aus einer Art Sarg in der Region entweichen könnte», sagte Guterres letzten Donnerstag vor Studenten in Fidschi.

Der für das Atommülllager verwendete Krater entstand bei der Detonation der Cactus-Bombe auf der Insel Runit im Rahmen der Testreihe Hardtack I von 1958. Insgesamt wurden auf der Insel Runit, die Teil der Marshallinseln sind, 14 Atombomben gezündet. Die Cactus-Bombe selbst wurde am 5. Mai 1958 zur Detonation gebracht und hatte eine Sprengkraft von 18 Kilotonnen. Die Hiroshima-Bombe hatte zum Vergleich eine Sprengkraft von etwa 15 Kilotonnen.

Etwa 85'000 Kubikmeter radioaktiv verseuchtes Erdreich und 4500 Kubikmeter verseuchter Schutt wurden laut Popularmechanics.com in den Krater gekippt. Der Betondeckel hat einen Durchmesser von mehr als 100 Metern und soll sogar aus dem Weltall sichtbar sein. Doch der Zahn der Zeit nagt am Beton und die Angst wächst, dass der Deckel während eines tropischen Wirbelsturms einbrechen könnte.

USA nicht verantwortlich

Wie es weitergeht, ist unklar. Denn die Verantwortung liegt rein rechtlich nicht etwa bei den USA, sondern den Marshallinseln, die seit 1986 von den USA unabhängig sind. Doch der kleine Inselstaat im Pazifik mit gut 53'000 Einwohnern verfügt nicht über die Mittel, um die Deponie zu sanieren.

Guterres sagte laut CBS News: «Es muss noch viel unternommen werden im Zusammenhang mit den Detonationen, die einst auf den Marshallinseln und in Französisch Polynesien stattgefunden haben. Dabei geht es um gesundheitliche Folgen, die Auswirkungen auf das Gemeinwesen und andere Aspekte.» Es gebe Fragen über Entschädigungen und Vorkehrungen, um diese Auswirkungen zu vermindern, so Guterres. Konkrete Handlungsvorschläge machte er nicht.

Die USA führten zwischen 1945 und 1962 insgesamt 210 oberirdische Atomtests durch. (Video: LLNL)

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Atombombentests und dazu noch in der Nähe einer hoch frequentierten Stadt sind aus heutiger Sicht unvorstellbar. Schliesslich wird bei der Detonation jede Menge Radioaktivität freigesetzt. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Atombombentests und dazu noch in der Nähe einer hoch frequentierten Stadt sind aus heutiger Sicht unvorstellbar. Schliesslich wird bei der Detonation jede Menge Radioaktivität freigesetzt. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Don English/Las Vegas News Bureau
Mitte des letzten Jahrhunderts sah man das deutlich entspannter: Zwischen 1951 und 1962 wurden vor den Toren Las Vegas' insgesamt 119 Atombomben überirdisch gezündet. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Mitte des letzten Jahrhunderts sah man das deutlich entspannter: Zwischen 1951 und 1962 wurden vor den Toren Las Vegas' insgesamt 119 Atombomben überirdisch gezündet. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnenbombe im Hintergrund, 1957)

Don English/Las Vegas News Bureau
Aber das ist noch nicht alles. Weil noch nicht klar war, was Radioaktivität anrichten kann, zogen die Atombombentests jede Menge Schaulustige an. (Im Bild: ein Atomtest in der Wüste Nevadas, 1957)

Aber das ist noch nicht alles. Weil noch nicht klar war, was Radioaktivität anrichten kann, zogen die Atombombentests jede Menge Schaulustige an. (Im Bild: ein Atomtest in der Wüste Nevadas, 1957)

Don English/Las Vegas News Bureau
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