Schiesserei in Konstanz: Amok-Helm hat Polizist das Leben gerettet
Aktualisiert

Schiesserei in KonstanzAmok-Helm hat Polizist das Leben gerettet

Beim Schusswechsel mit dem Angreifer in Konstanz wurde ein Polizist schwer getroffen. Ohne den Spezialhelm wäre der Schuss der Kriegswaffe womöglich fatal gewesen.

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fal/sep

Tatort Konstanz: Die Behörden zeigen bei der Pressekonferenz den Helm. (Video: Tamedia)

Mit einem Sturmgewehr wie es US-Streitkräfte benutzen hat ein vorbestrafter Mann in einer Diskothek in Konstanz um sich geschossen. Ein Türsteher starb, vier Menschen wurden schwer verletzt, darunter ein Polizist.

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Ein Polizist in weissem Schutzanzug fotografiert einen Gegenstand beim Club Grey.

Ein Polizist in weissem Schutzanzug fotografiert einen Gegenstand beim Club Grey.

Keystone/Felix Kästle
Polizisten betreten mit Schutzanzügen den Tatort.

Polizisten betreten mit Schutzanzügen den Tatort.

AFP/Felix Kästle
Eine Frau wird nach dem Angriff vor dem Club getröstet.

Eine Frau wird nach dem Angriff vor dem Club getröstet.

Keystone/Felix Kästle

Der Beamte erlitt eine Schussverletzung, befand sich jedoch nicht in Lebensgefahr. Der Helm hat ihm das Leben gerettet. An der Pressekonferenz wurde das Einschussloch im Kopfschutz des verletzten Beamten gezeigt. Baden-Württemberg rüstet seit 2011 selbst Streifenpolizisten mit Spezialhelmen aus, wie die Branchenzeitung «Polizeipraxis» berichtet. Die Ausrüstung wurde nach den Amokläufe in Erfurt (2002) und Winnenden (2009) einem neu entwickelten «Amokkonzept» angepasst. Baden-Württemberg war damals Vorreiter in Deutschland – Gefahren wie Amok und Terror liessen immer mehr Bundesländer folgen.

Beim Kopfschutz des verletzten Beamten handelt es sich um einen circa zwei Kilogramm schweren ballistischen Schutzhelm aus Titan. Die Helme zeichnen sich nicht nur durch die höchste Schutzklasse, Beschussfestigkeit und Splitterschutz aus, sondern auch durch die Minimierung der durch einen Schuss übertragenen «Restenergie», sprich Trauma. Diese Energie verursacht bei herkömmlichen Modellen eine Verformung des Helmes nach innen, was zu tödlichen Kopfverletzungen führen kann. Diese Verformung wird bei den Amok-Helmen minimiert.

Täter ging nach Hause und holte Kriegswaffe

Der 34 Jahre alte Angreifer starb nach dem Schusswechsel mit der Polizei. Bei ihm handelt es sich um einen anerkannten Asylbewerber irakisch-kurdischer Herkunft, der als Kind 1991 nach Deutschland gekommen war. Das teilte der Leitende Oberstaatsanwalt Johannes-Georg Roth am Sonntag in Konstanz mit. Baden-Württembergs Innenstaatssekretär Martin Jäger betonte, es handle sich um kein islamistisch motiviertes Verbrechen.

Die Staatsanwaltschaft berichtete, es habe Streit vor der Diskothek gegeben. Der 34-Jährige sei daraufhin nach Hause gefahren, habe die Kriegswaffe geholt und sei damit zu dem Club zurückgekehrt. Bei dem Schützen habe es sich um den Schwiegersohn des Betreibers der Diskothek gehandelt.

«So etwas kann man legal nicht besitzen»

Warum es zu dem Streit kam, war zunächst nicht bekannt. Die Ermittler gehen von einer persönlichen Auseinandersetzung aus, die auf «unsagbare Weise eskaliert» sei. Der Mann habe als Einzeltäter gehandelt. Der Schütze war vorbestraft, er war der Polizei unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und wegen Drogendelikten bekannt.

Nach Angaben des Experten Andreas Stenger vom Landeskriminalamt nutzte der Mann eine US-Kriegswaffe vom Typ M16. Das Sturmgewehr sei die Standardwaffe der US-Streitkräfte. Woher der Mann die Waffe hatte, war zunächst unklar. Kriminaldirektor Andreas Stenger vom Landeskriminalamt: «Es handelt sich hierbei um ein Kriegsgewehr, dass bis zu 800 Schuss pro Minute abgeben kann. So etwas kann man legal nicht besitzen.»

Der Täter schoss gegen 4.30 Uhr am Sonntagmorgen an dem in einem Konstanzer Industriegebiet gelegenen Club Grey um sich. Er war wohl nicht im Innern der Disco. Zu den Schüssen kam es nach Angaben der Ermittler vor allem im Eingangsbereich des Clubs. Der 34-Jährige sei dann wenig später bei einem Schusswechsel mit Polizeibeamten lebensgefährlich verletzt worden. Er erlag in einem Spital seinen Verletzungen.

Gäste verliessen Gebäude in Panik

Sowohl der Zeuge als auch die Polizei hatten mitgeteilt, dass zahlreiche Gäste nach den Schüssen das Gebäude in Panik verlassen und sich verschanzt hätten. «Die Diskothek war rammelvoll. Ich schätze, dass mehrere Hundert Menschen da waren», erzählte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur dpa. Nach Angaben der Stadt werden mehrere Gäste psychologisch betreut.

Die Polizei war gegen 4.30 Uhr alarmiert worden und war danach mit starken Kräften an Ort und Stelle, auch Spezialkräfte waren an dem Einsatz beteiligt. Durch ein neues Einsatzkonzept der Polizei seien so bezeichnete Erstinterventionskräfte schnell dort gewesen, sagte Polizeipräsident Ekkehard Falk. Dadurch sei wohl verhindert worden, dass mehr Menschen zu Schaden kamen. An der Disco seien nach Eingang der Notrufe rasch elf Einsatzwagen gewesen. (fal/sep/sda)

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