Experten-Interview: «Amokläufe wird es immer wieder geben»
Aktualisiert

Experten-Interview«Amokläufe wird es immer wieder geben»

Finnland steht unter Schock: Schon wieder lief ein junger Mann Amok und tötete zehn seiner Mitschüler. Was treibt einen 22-Jährigen zu solch einer Tat? 20 Minuten Online sprach mit dem Psychiater Professor Payk.

von
Runa Reinecke

Ein anderer Ort, ein anderer Täter - und trotzdem spielte sich der Amoklauf vom Dienstag ab wie ein Exampel aus einem Lehrbuch für Psychiatrie. Tatsächlich: Bei näherem Hinsehen fallen Parallelen zu früheren Dramen auf. Und wieder stellt sich die ganze Welt die Frage nach dem «Warum». 20 Minuten Online suchte beim Düsseldorfer Psychiater und Autor, Prof. Dr. Theo Payk nach Antworten... .

20 Minuten Online:

«Zum zweiten Mal innerhalb von zehn Monaten ereignete sich an einer finnischen Schule ein Amokdrama. Zufall?»

Theo Payk:

«Schwierig zu sagen. Auffällig ist, dass es sich in beiden Fällen um männliche Jugendliche handelte, die offenbar leicht Zugang zu Waffen hatten.»

20 Minuten Online:

«Stimmt, wieder ist der Täter männlich, um die 20 und schwarz gekleidet – gibt es psychologisch gesehen ein Muster für Amokläufer?»

Theo Payk:

«Es gibt Merkmale und Persönlichkeitszüge, die tatsächlich in ähnlicher Art und Weise wieder auftauchen: Das schwarze Outfit symbolisiert Tod und Zerstörung. Der typische Amok-Täter ist ein introvertierter Einzelgänger mit verminderter Frustrationstoleranz, empfindlich, leicht zu kränken. Andererseits kann er Frust oder Ärger nicht angemessen verarbeiten. Statt Gefühle zu zeigen und sich bei Zurücksetzung oder Angriffen zur Wehr zu setzen, frisst er seinen Zorn und seine Verbitterung in sich hinein. Der emotionale Druck steigt, Gewaltphantasien werden beherrschend. Irgendwann kann er dem Druck nicht mehr standhalten.»

20 Minuten Online:

«Welche Rolle spielt die Selbstinszenierung der Täter mit Waffen auf Videocommunitys? Der Täter hat – so wie beim letzten finnischen Amoklauf – sein Vorhaben in einer Videobotschaft auf youtube.com angekündigt. War das kein eindeutiges Warnsignal, das man hätte ernst nehmen müssen?»

Theo Payk:

«Im Falle des jüngsten Amoklaufs wurde der Täter zuvor von der Polizei verhört, dann aber wieder auf freien Fuss gesetzt. Ob von einem Menschen tatsächlich Gefahr ausgeht, lässt sich nicht so leicht feststellen. Das zeigt auch der Fall des koreanischen Studenten, der im vergangenen Jahr an der Virginia Tech University in Blacksburg 32 Menschen tötete. Er war meines Wissens zuvor eine zeitlang in psychiatrischer Behandlung. Trotzdem konnte das Unglück nicht verhindert werden, obgleich er höchst aggressive Videobotschaften verkündete. Auf der anderen Seite ist es eben auch nicht so, dass jeder Jungendliche, der sich aggressiv oder sonstwie auffällig verhält, zum Amokläufer wird.»

20 Minuten Online:

«Also müssen wir zukünftig immer wieder mit Amokläufen rechnen, ohne das vorsorglich etwas unternommen werden kann?»

Theo Payk:

«Ja, das wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Amokläufe wird es immer wieder geben. Diese Taten liegen – wie andere Aggressionsdelikte - in der unzulänglichen Natur des Menschen. Auch der Nachahmer-Effekt spielt eine Rolle.»

20 Minuten Online:

«Fast immer richten sich die Amokläufer nach ihrer Tat selbst. Wieso?»

Theo Payk:

«Mit dem Amoklauf zieht der Täter Bilanz – also einen Schlussstrich unter das Leben anderer und das eigene. Es treibt ihn also nicht nur der Hass auf andere, sondern letztlich richtet sich sein Aggressionspotential auch auf die eigene Person. In seiner Vorstellungswelt gibt es ohnehin keine Zukunft, nachdem er sein 'Werk' getan und seine Spur für immer hinterlassen hat.»

20 Minuten Online:

«In Finnland ist es sogar für Minderjährige möglich, in den Besitz einer Waffe zu kommen. Mit ein Grund für das zweite Drama, das sich gestern ereignete?»

Theo Payk:

«Ich glaube, dass diese Täter ihr schlimmes Vorhaben ohnehin durchsetzen – ob mit oder ohne Schusswaffe. Wenn kein Gewehr oder keine Pistole verfügbar ist, greifen sie zu Messern oder Macheten. Trotzdem ist das lasche finnische Schusswaffengesetzt meiner Meinung nach unverständlich. Eine Schusswaffe ermöglicht schon aus technischen Gründen, ohne grösseren Aufwand besonders viele Menschen in kürzester Zeit umzubringen. Dazu kommt im Gegensatz zu Stich- oder Hiebwaffen die grössere Distanz zum Opfer, wodurch die Hemmschwelle zum Töten leichter abgesenkt wird.»

20 Minuten Online:

«Was können Bezugspersonen wie Lehrer tun, damit sich solch ein Unglück nicht an ihrer Schule abspielt?»

Theo Payk:

«Lehrer oder andere Bezugspersonen sollten grundsätzlich versuchen, zu verdächtigen Schülern Kontakt herzustellen und langfristig Vertrauen aufzubauen. Kritisch wird es, wenn ein ohnehin verschlossener, gleichzeitig verbittert, deprimiert oder angespannt wirkender Schüler sich noch mehr zurückzieht und nicht mehr erreichbar ist. Das kann ein Alarmzeichen dafür sein, dass sich in ihm etwas zusammenbraut.»

Theo R. Payk studierte Medizin, Philosophie und Psychologie in Deutschland. Als Psychiater arbeitete er an verschiedenen Insitutionen, unter anderem wirkte er als Leiter des Psychiatrischen Zentrums der Ruhr-Universität Bochum. Zurzeit ist er als Chefarzt der Fliedner-Klinik Düsseldorf, Supervisor und forensischer Gutachter tätig. Payk veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Beiträge und ist Autor verschiedener Sachbücher, unter anderem verfasste er das Werk «Das Böse in uns - Über die Ursachen von Mord, Terror und Gewalt».

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