FC Liverpool: An der Anfield Road darf wieder geträumt werden

Aktualisiert

FC LiverpoolAn der Anfield Road darf wieder geträumt werden

24 Jahre ist es her, seit der FC Liverpool das letzte Mal englischer Meister war. Nun haben es die Reds nach zuletzt acht Siegen in Folge in der Hand, Titel Nummer 19 zu holen.

von
Jean-Claude Gerber

In den 1970er- und den 1980er-Jahren führte in England und Europa kein Weg am FC Liverpool vorbei. Elfmal holte sich das Team von der Anfield Road den englischen Meistertitel, gewann dreimal den FA-Cup und viermal den Liga-Cup. Dazu kamen vier Europapokale der Landesmeister und zwei Uefa-Cups.

Mit Beginn der 1990er-Jahre wurden die Trophäen dann deutlich rarer. Zwar konnte Liverpool 2005 mit dem Gewinn der Champions League zum fünften Mal den wichtigsten Pokal Europas holen – mehr als jeder andere englische Klub. Doch der Meistertitel war fortan ein unerreichbares Ziel. Auch diverse seither gewonnene FA-, Liga- und Uefa-Cups waren nur ein schwacher Trost. Denn die Meistertitel gingen in der Premier-League-Ära nicht einfach irgendwohin, sondern meistens ins Old Trafford zum Erzrivalen Manchester United.

Mit 18 Meistertiteln waren die Reds 1990 ihren Konkurrenten am anderen Ende der Autobahn M62 scheinbar uneinholbar enteilt. Doch dann brach 1992 die Premier-League-Ära und damit die grosse Zeit von United unter Trainer Alex Ferguson an. Seit 1986 im Amt, gelang es dem Schotten 1993 erstmals, die Meisterschaft zu gewinnen. Zwölf weitere Titel kamen dazu, der letzte in der vergangenen Saison. Mit total 20 Titeln hatte Manchester United Fergusons Ziel erreicht und Liverpool «vom verdammten obersten Ast gestossen».

So scheint es ironisch, dass Liverpool gerade jetzt – im Jahr eins nach Fergusons Rücktritt – dem Gewinn der Meisterschaft so nahe ist wie lange nicht mehr. Nachdem man sich am Ende der vergangenen Saison noch mit Platz sieben hat begnügen müssen, stehen die Reds seit dem 4:0-Sieg gegen Tottenham am vergangenen Sonntag zuoberst in der Tabelle. Gewinnen sie ihre letzten sechs Spiele, können auch die Titelkonkurrenten Manchester City und Chelsea sie nicht mehr von dort hinunterstossen. Beide müssen im April noch an der Anfield Road antreten.

Aufschwung nach Besitzerwechsel

Der Erfolg der Reds hat viele Väter. Neben Trainer und Spielern gehören dazu auch die amerikanischen Besitzer um John W. Henry. In einer unfreundlichen Übernahme entrissen sie 2010 den Klub den beiden ebenfalls amerikanischen Vorbesitzern Tom Hicks und George Gillette, die den FC Liverpool mit Schulden überhäuft und an den Rand des Ruins getrieben hatten. Henry, der auch Eigentümer des traditionsreichen Baseballvereins Boston Red Sox ist, hat sich bisher als besonnener Geschäftsmann erwiesen. Weder hat er Transfergelder mit der Schaufel verteilt, noch hat er übermässig Gewinne in die USA abgeführt.

Zu den ersten Schachzügen der neuen Besitzer zählte die Verpflichtung von Ajax-Amsterdam-Kapitän Luis Suárez. Der Uruguayer wechselte im Januar 2011 für 22,8 Millionen Pfund (35 Millionen Franken) an die Anfield Road und zeigte bereits früh sein Potenzial. Bis Saisonende erzielte er 13 Tore. Seine zwei folgenden Spielzeiten blieben dann aus anderen Gründen in Erinnerung. Ende 2011 befand ihn der englische Verband für schuldig, Partice Evra von Manchester United rassistisch beleidigt zu haben. Er wurde für acht Spiele gesperrt. Gar für zehn Spiele wurde er gesperrt, weil er im Frühjahr 2013 Branislav Ivanovic von Chelsea in den Arm gebissen hatte.

Wegen dieser Sperre fehlte Suárez die ersten fünf Spiele der aktuellen Saison. Umso bemerkenswerter ist es, dass er bereits 29 Ligatore für sich verbuchen konnte und einsam die Torschützenliste in England anführt. Doch diese Torflut erzählt nur die halbe Geschichte. Machte Suárez früher hauptsächlich mit seinen Eskapaden Schlagzeilen – noch im Sommer wollte er Liverpool um jeden Preis verlassen –, hat er sich inzwischen zum vorbildlichen Teamplayer entwickelt. Der Stürmer rackert sich für seine Mannschaft ab und ist sich nicht zu schade, auch hinten auszuhelfen.

Lernfähiger Trainer

Die wundersame Wandlung des Luis Suárez ist in erster Linie einem Mann zu verdanken: Trainer Brendan Rodgers. Der 40-jährige Nordire, der zeitweise unter José Mourinho dem Trainerstab von Chelsea angehörte, war ein unbeschriebenes Blatt, als ihn Liverpool im Sommer 2012 verpflichtete. Dass er Swansea zum ersten Mal in die höchste englische Spielklasse führte, war sein grösster Erfolg.

Die Anhänger auf dem Kop, wie die legendäre Tribüne der Heimfans in Anfield heisst, waren skeptisch. Wie soll der Grünschnabel dort erfolgreich sein, wo vor ihm Klublegende Kenny Dalglish bei seiner Rückkehr als Trainer gescheitert war? Zu Beginn schienen die Zweifel berechtigt. Ohne taktische Flexibilität versuchte Rodgers sein Team auf Tiki-Taka zu trimmen. Zum Schluss reichte es nur für Platz sieben, es gab nicht einmal mehr europäischen Fussball.

Inzwischen ist Rodgers davon abgekommen, den Ballbesitz über alles zu stellen. Er wandelte sich im Gegenteil zum grossen Taktiker. Je nach Gegner setzte er diese Saison auch schon mal auf eine Dreierkette in der Verteidigung oder einen Diamanten im Mittelfeld. Zudem spielt Rodgers – für die heutige Zeit eher ungewöhnlich – konsequent mit zwei Stürmern. Allzu schwer dürfte ihm das nicht fallen. Denn neben Suárez hat er mit Daniel Sturridge ein weiteres ganz heisses Eisen im Feuer.

88 Tore

Der 24-jährige Engländer, der bei Chelsea nicht über den Status eines ewigen Talents hinauskam, spielt seit Januar 2013 bei Liverpool. Unter Rodgers blühte er auf und bildet nun zusammen mit Suárez das erfolgreichste Stürmerduo auf der Insel. 49-mal trafen SAS, wie die zwei in Anlehnung an eine britische Eliteeinheit genannt werden, bisher in der Liga.

Und nicht nur Sturridge erlebt unter Rodgers einen zweiten Frühling. Auch der 33-jährige Liverpool- und England-Kapitän Steven Gerrard spielt seit seiner altersbedingten Versetzung ins defensive Mittelfeld wieder auf allerhöchstem Niveau. Zudem haben in dieser Saison die beiden jungen Mittelfeldspieler Jordan Henderson und Raheem Sterling den Durchbruch wohl endgültig geschafft. Der einzige Fleck im Reinheft ist die wacklige Verteidigung. So hat Liverpool in 22 Ligaspielen nicht nur 88 Tore geschossen, sondern auch 39 kassiert.

Dass sich in Liverpool etwas tut, ist im WM-Jahr auch Nationaltrainer Roy Hodgson nicht entgangen. Im Testspiel gegen Dänemark standen letzten Monat fünf Liverpool-Spieler in der englischen Startelf. Das war letztmals 1977 der Fall. Und so deutet einiges darauf hin, dass der Verein nach Jahren des Stillstands wieder zu alter Grösse auflaufen könnte. Auch wenn es dieses Jahr mit der Meisterschaft nicht klappen sollte, zumindest in Europa dürfte der Verein von der Anfield Road nächste Saison wieder von sich reden machen.

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