Rauchende Kinder: «An diesem Tag darf man ziemlich alles»

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Rauchende Kinder«An diesem Tag darf man ziemlich alles»

Die Story über rauchende Kinder an Viehschauen im Appenzell sorgte für Diskussionen. Zwei Volkskundler versuchen, die Tradition zu erklären.

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jeb
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Traditionellerweise dürfen an Viehschauen und am Funkensonntag auch Kinder rauchen. Hier zwei Brüder an der Grossviehschau in Appenzell 2013.

Traditionellerweise dürfen an Viehschauen und am Funkensonntag auch Kinder rauchen. Hier zwei Brüder an der Grossviehschau in Appenzell 2013.

Keystone/Gian Ehrenzeller
Auffahrt zur Viehschau Wald - Rehetobel am Freitag, 26. September 2008, in Appenzell Ausserrhoden. In Appenzell Ausserrhoden werden die Viehschauen gemeindeweise abgehalten und sind Anlass für die Bauern, ihre besten Tiere mit viel Aufwand auf den Schauplatz zu treiben.

Auffahrt zur Viehschau Wald - Rehetobel am Freitag, 26. September 2008, in Appenzell Ausserrhoden. In Appenzell Ausserrhoden werden die Viehschauen gemeindeweise abgehalten und sind Anlass für die Bauern, ihre besten Tiere mit viel Aufwand auf den Schauplatz zu treiben.

Keystone/Regina Kuehne
Auch für diese beiden gehört das Rauchen und Fachsimpeln an der Grossviehschau dazu.

Auch für diese beiden gehört das Rauchen und Fachsimpeln an der Grossviehschau dazu.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Für Völkerkundler Hans Hürlemann aus Urnäsch sind die paffenden Kinder eine neuzeitliche Erscheinung und nicht Teil des Brauchtums. «Für den Brauch der Viehschau selber hat das Rauchen keine Bedeutung.» Er vermutet, dass sich das Paffen eingeschlichen hat, weil Kinder irgendwann damit begonnen hätten und man sie dann einfach habe gewähren lassen. «Die Kinder nahmen sich das Recht und man liess ihnen ausnahmsweise diese Freiheit», so Hürlemann.

Nie wissenschaftlich untersucht

Roland Inauen, Regierender Landammann von Appenzell Innerrhoden und Leiter des Museums Appenzell, sagt, dass das Rauchen bei Kindern wohl schon seit den 60er-Jahren Usus an den Viehschauen wurde. «Die Viehschau ist für Bauern ein zentraler Tag im Jahr. An diesem Tag darf man so ziemlich alles», so der Volkskundler. Im Sinne der Volkskultur dürften auch mal übliche Grenzen überschritten werden.

Wieso das so sei, wurde laut Inauen aber nie wissenschaftlich untersucht. Deshalb sei es schwierig zu sagen, worauf die rauchenden Kinder zurückzuführen seien. Einen tieferen Sinn scheint es aber nicht zu geben.

Über 800 Kommentare

Bei den Lesern wurde die Story heiss diskutiert. So gingen bis zum Donnerstagabend über 800 Kommentare ein. Viele Leser stören sich kaum an der Tradition. So schreibt etwa Kathy: «Wenns Tradition ist, wieso nicht? Es hat ja genügend alte Leute in Appenzell, die gesund und Nichtraucher sind. Trotz Kinderrauchen als Kind. Überall erwarten wir Toleranz... bitte bei unseren Traditionen anfangen.»

Leserin Mami sieht das anders: «Rauchen als Tradition? Damit signalisiert man den Kindern, dass Rauchen gut sei. Das ist es aber nicht. So ein Schwachsinn sollte abgeschafft werden.»

Viele Leser geben zu bedenken, dass es solche Traditionen auch andernorts, zum Beispiel am Zürcher Schulsilvester, dem Glarner Fridolinsfeuer und dem Bündner Chalandamarz gebe und niemand einen Schaden davongetragen habe, zumal ja meistens nur gepafft und nicht inhaliert werde.

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