«Just Community»: An diesen Schulen haben die Kinder das Sagen
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«Just Community»An diesen Schulen haben die Kinder das Sagen

Schweizer Schulen setzen auf Basisdemokratie. In der «Just Community» reden die Schüler mit, welche Regeln gelten. So funktioniert sie.

von
P. Michel
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In der «Just Community» können die Schüler ihre Anliegen einbringen. Das Modell praktizieren etwa die Primarschule Steiacher in Brüttisellen oder die Primarschule Heiden.

In der «Just Community» können die Schüler ihre Anliegen einbringen. Das Modell praktizieren etwa die Primarschule Steiacher in Brüttisellen oder die Primarschule Heiden.

Screenshot Video PH Zürich
In der Schule in Brüttisellen hängt in jedem Klassenzimmer ein Briefkasten, in den die Schülerinnen und Schüler ihre auf Papier formulierten Anliegen einwerfen können. Pro Halbjahr kommen so rund 50 Vorschläge zusammen.

In der Schule in Brüttisellen hängt in jedem Klassenzimmer ein Briefkasten, in den die Schülerinnen und Schüler ihre auf Papier formulierten Anliegen einwerfen können. Pro Halbjahr kommen so rund 50 Vorschläge zusammen.

Skynesher / Symbolbild
Ein «Kinder-OK», bestehend aus acht Dritt- bis Sechstklässlern, wählt die aus ihrer Sicht dringendsten Ideen aus und bringt sie in die Lehrerkonferenz ein. Die gesamte Schülerschaft ab der ersten Klasse diskutiert dann in einer Vollversammlung darüber.

Ein «Kinder-OK», bestehend aus acht Dritt- bis Sechstklässlern, wählt die aus ihrer Sicht dringendsten Ideen aus und bringt sie in die Lehrerkonferenz ein. Die gesamte Schülerschaft ab der ersten Klasse diskutiert dann in einer Vollversammlung darüber.

Keystone/Laurent Gillieron / Symbolbild

An der Primarschule Steiacher in Brüttisellen entscheiden nicht die Lehrer allein über die Pausenplatzordnung. Auch die Schüler bestimmen im System «Just Community» basisdemokratisch mit. In jedem Klassenzimmer hängt ein Briefkasten, in den die Schülerinnen und Schüler ihre auf Papier formulierten Anliegen einwerfen können.

Pro Halbjahr kommen so rund 50 Vorschläge zusammen. Ein «Kinder-OK», bestehend aus acht Dritt- bis Sechstklässlern, wählt die aus ihrer Sicht dringendsten Ideen aus und bringt sie in die Lehrerkonferenz. Die gesamte Schülerschaft ab der ersten Klasse diskutiert dann in einer Vollversammlung darüber.

Es gibt schon Kampfwahlen um die Exekutive

Die «Just Community» ist ein Erfolg: Um die Wahl ins «Kinder-OK» entbrennen regelrechte Kampfwahlen, weil deren Mitglieder hohes Ansehen geniessen. In den Gängen hängen Plakate der Kandidaten. Die Leitung und Organisation der Vollversammlung organisieren die Schüler mittlerweile eigenständig.

So funktioniert die «Just Community»: Zum Video.

«Dass die Kinder entscheiden können, finde ich sehr gut», erklärte der 12-jährige Eren in einem Blog der Pädagogischen Hochschule Zürich. Die Vorschläge der Lehrer seien jeweils nicht so gut angekommen. Den Ansatz der «Just Community» verfolgen auch andere Schulen, beispielsweise das Schulhaus Dorf in Heiden AR. Eine Auswahl der Ideen an den beiden Schulen:

Da es am frühen Morgen vielen schwerfalle, sich zu konzentrieren, schlug ein Schüler vor: «Ich würde mir in der ersten Stunde nur lockeren Unterricht wünschen.» Der Vorschlag schaffte es im Gremium des «Kinder-OK» an der Primarschule Brüttisellen aber nicht in die engere Auswahl.

Es war ein Bedürfnis der Schüler in Heiden, selbst einen Kiosk zu betreiben. So brachten sie die Idee an die Vorbereitungsgruppe. In der Schulversammlung wurde dann festgelegt, ob es Süssigkeiten geben soll, ob man Profit machen darf, wer den Kiosk betreiben kann und wie oft er geöffnet sein soll. Das Resultat: Der Kiosk, der mittlerweile schon länger in Betrieb ist, öffnet zweimal die Woche, es gibt keine Süssigkeiten, dafür Bürli, Früchte, Gemüse, Dar-Vida oder Minipic, und er ist nicht profitorientiert.

Auch unrealistische Ideen können die Schüler im «Just Community»-System einbringen. In Brüttisellen befanden einige Schüler das Fach Handarbeit für überflüssig. Die Gegner argumentierten, eine Abschaffung sei laut Lehrplan 21 gar nicht möglich. Der Vorschlag wurde deshalb auch nicht weiterverfolgt.

Im Schulhaus Dorf in Heiden darf auch der Hauswart Themen in die Schulversammlung einbringen. So befand er, dass die Sorgfalt und Ordnung in den WC-Anlagen sehr zu wünschen übrig lassen. Während der Versammlung stellten die Kinder selber Regeln auf und gestalteten Plakate dazu, die bei den Toilettenanlagen aufgehängt wurden. Das Problem konnte dadurch weitgehend gelöst werden.

In Brüttisellen beschäftigt die Schüler der Umgang mit den Flüchtlingskindern aus Syrien, Irak und Afghanistan. Diese lernen in zwei separaten Klassen Deutsch. Schüler bemängeln, die Flüchtlingskinder würden gemein behandelt. Andererseits blieben sie häufig unter sich. Es brauche deshalb mehr Integration. Über konkrete Massnahmen, die man der Lehrerschaft vorlegen will, diskutiert nun die Vollversammlung.

«Wir gehen so lieber in die Schule»

Bei den Schülerinnen der sechsten Klasse in Heiden kommt die Möglichkeit der Mitbestimmung gut an. «Praktisch jedes Kind geht lieber an diese Schule, weil es mitbestimmen kann», schreiben die Schüler gemeinsam an 20 Minuten (siehe Interview).

«Wir können die Meinung anderer Kinder akzeptieren»

«Wir können die Meinung anderer Kinder akzeptieren»

So erlebt eine 6. Klasse die direkte Mitbestimmung.

Glaubt ihr, ihr könnt in der «Just Community» etwas bewirken?

Ja, denn alle im Schulhaus von der Basisstufe bis zur sechsten Klasse können ihre Meinung sagen. Alle haben auch ein Stimmrecht. Man kann Ideen und Meinungen vorbringen und muss Argumente dafür vertreten.

Geht ihr so lieber in die Schule?

Praktisch jedes Kind würde lieber an diese Schule gehen, weil es mitbestimmen kann. Wir können bei Regeln, Anschaffungen, Anlässen und vielem mehr mitreden und mitentscheiden.

Was, wenn die Schule nicht auf eure Vorschläge hört?

Dann würden wir nach dem Grund suchen und nachfragen, weshalb. Dies, um die Entscheidung zu verstehen. Das passiert aber selten. Nur wenn es ein doofer Vorschlag war. Wir können die Meinungen anderer Kinder auch akzeptieren.

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