CAPTCHA: An dieser Werbung surft man nicht vorbei
Aktualisiert

CAPTCHAAn dieser Werbung surft man nicht vorbei

User tippen freiwillig Reklame, wenn sie eine Webseite betreten möchten: Die Firma AdCopy will Unternehmen so echte Aufmerksamkeit von Surfen garantieren. Allerdings lässt sich die Technologie wahrscheinlich überlisten.

von
Henning Steier
AdCopy: Werbung im CAPTCHA

AdCopy: Werbung im CAPTCHA

Wer sich auf einer Webseite registriert oder einen Forumsbeitrag schreiben wollte, dem sind die bunten Banner mit den schwer lesbaren Wörtern sicherlich schon begegnet. Denn so genannte CAPTCHAs sollen sicherstellen, dass ein Mensch statt eines Rechners die Seite nutzen möchte. Die Abkürzung steht für «Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart» und ist seit zehn Jahren bekannt. Populär wurde sie durch Luis von Ahn, Manuel Blum und Nicholas J. Hopper von der Carnegie Mellon University und John Langford von IBM. Es gibt auch CAPTCHAs, die ihren Betrachtern einfache Aufgaben wie 3 - 2 stellen. Was für menschliche Betrachter simpel ist, stellt Rechner vor grosse Herausforderungen, denn mit Filtern versehene Buchstaben sind für sie, wenn überhaupt, nur durch aufwändige Rechenprozesse eindeutig erkennbar. Vorteil für Seitenbetreiber: Sie können verhindern, dass Computer unerlaubt Konten anlegen und Beiträge schreiben, die dann Websites lahmlegen oder andere Nutzer belästigen können.

Heutzutage werden vor allem Bilder als CAPTCHAs verwendet. Das Dilemma: Die Rechner holen auf, CAPTCHAs müssen schwieriger zu entziffern sein. Das wiederum stört Nutzer, von denen die meisten es schon erlebt haben dürften, dass ihre Eingabe nicht akzeptiert wurde und sie daher einen zweiten Versuch machen mussten. Ein Ansatz, es Rechner schwer und blinden Webnutzern einfacher zu machen, sind Audiodateien als CAPTCHAs. Diese werden allerdings von vielen nicht behinderten Surfern als störend empfunden. Das gilt auch für Video-CAPTCHAs welche unter anderem von Google getestet wurden: Nutzer sollten nicht mehr Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben auf Webseiten eingeben, sondern das, was sie in einem YouTube-Clip sehen. Laut einem Arbeitspapier der beiden Entwickler sollen Versuchspersonen in 90 Prozent der Fälle die richtigen Wörter eingegeben haben. Allerdings konnten auch 13 Prozent der CAPTCHAS von Rechnern geknackt werden. Ob die Clip-CAPTCHAS in grossem Stil eingesetzt werden sollen, ist noch nicht bekannt.

Arbeitskräfte ohne Lohn

Laut einer Hochrechnung der Carnegie Mellon University werden von Menschen rund um den Globus täglich rund 150 000 Stunden damit verbracht, CAPTCHAS zu lösen. Diese Zeit müsste sich sinnvoll nutzen lassen, dachte sich der Informatiker Luis von Ahn und präsentierte 2004 mit reCAPTCHA ein Projekt, in dem Surfer durch ihre Eingaben helfen, nicht richtig digitalisierte Passagen aus Büchern zu entschlüsseln. Den Surfern werden schwer zu entziffernde Wörter aus den eingescannten Werken angezeigt - die Technologie wurde beispielsweise von der gemeinnützigen Organisation Internet Archive aus San Francisco genutzt, welche unter anderem Bücher, alte Webseiten und Usenet-Beiträge für jeden frei zugänglich macht. Im Herbst vergangenen Jahres kaufte Google das Unternehmen. Bekanntlich scannt der Suchmaschinenanbieter seit längerem Bücher und Zeitschriften für sein Archiv, welches hierzulande unter books.google.ch erreichbar ist.

Menschen geben CAPTCHAS ein, die anschliessend auf Servern des Suchmaschinenanbieters landen, welche die Ergebnisse nutzen, um Fehler der Buchscanner zu beseitigen. Damit ist das Ganze eines jener Projekte, für die Jeff Howe, Journalist des US-Technologiemagazins Wired, 2006 den Begriff «Crowdsourcing» prägte. Grob verkürzt, versteht man unter der Schwarmauslagerung, dass einfache Aufgaben zahlreichen Nutzern im Internet übertragen werden, welche sie gratis oder gegen eine geringe Bezahlung übernehmen.

Selbstgeschriebenes prägt sich besser ein

Google spart also Geld. Einen Weg, direkt Erlöse aus CAPTCHAs zu generieren, geht das US-Unternehmen AdCopy. Die einfache Idee: Unternehmen können die Wörter, welche Surfer einzugeben haben, bestimmen. Dafür müssen sie natürlich zahlen. Wenn Nutzer die jeweilige Internetseite unbedingt besuchen möchten, werden sie die gewünschten Slogans eingeben und sie somit bewusster wahrnehmen als auf einem beliebigen Banner, das ihnen am Rand einer Website begegnet.

Vorteil für den Surfer könnte sein, dass er keine sinnlos kombinierten Wörter mehr sieht, sondern solche, die sich im ersten Versuch problemlos korrekt eingeben lassen. Ausserdem könnte er über Werbung stolpern, die ihn interessiert. Andererseits dürften die Werbe-CAPTCHAs sich leichter von Bots knacken lassen als die wirren Versionen, welche heute Standard sind. Aber auch die für Rechner zu komplexen CAPTCHAs lassen sich lösen - von Menschen gegen Geld. Wie techi.com schreibt, verlangt beispielsweise die Firma ByPass Captcha umgerechnet rund 15 Franken für 2000, welche von Mitarbeitern in Entwicklungsländern entziffert werden. Nachteil für die werbenden Unternehmen: Ihre Botschaften würden nicht die gewünschte Zielgruppe erreichen. Wie AdCopy diese Lücken in seinem System schliessen will, ist nicht bekannt. Bislang ist auf der Webseite eine Einladung zum Beta-Test zu finden. Eine Finanzspritze habe man von First Round Capital erhalten, AdCopy habe ein Team von Branchen-Profis zusammengestellt, heisst es. Anfragen von 20 Minuten Online wurden bislang nicht beantwortet.

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