Kauf von Plattform: «An Twitter-Spitze könnte Musk zum Influencer in eigener Sache werden»
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Kauf von Plattform«An Twitter-Spitze könnte Musk zum Influencer in eigener Sache werden»

Tech-Milliardär Elon Musk schnappt sich Twitter. Ein Professor befürchtet, dass er damit die Grundwerte der Gesellschaft und Demokratie in eine ihm passende Richtung steuert. 

von
Bettina Zanni
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«Twitter ist der digitale Dorfplatz, auf dem über die zentralen Themen der Zukunft der Menschheit debattiert wird», so Tech-Milliardär Elon Musk.

«Twitter ist der digitale Dorfplatz, auf dem über die zentralen Themen der Zukunft der Menschheit debattiert wird», so Tech-Milliardär Elon Musk.

REUTERS
Dass der Besitzer des Autoherstellers Tesla und des Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmens SpaceX damit sein Imperium erweitert, löst Befürchtungen aus.

Dass der Besitzer des Autoherstellers Tesla und des Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmens SpaceX damit sein Imperium erweitert, löst Befürchtungen aus.

AFP
«Hinter dem Kauf steht wohl die Absicht, Twitter als seine persönliche digitale Spielwiese zu nutzen», sagt Machtforscher Ueli Mäder. 

«Hinter dem Kauf steht wohl die Absicht, Twitter als seine persönliche digitale Spielwiese zu nutzen», sagt Machtforscher Ueli Mäder. 

© nicole pont / Tamedia AG

Darum gehts

Der High-Tech-Pionier Elon Musk ist auf dem Weg zum Social-Media-König. Für 44 Milliarden Dollar krallt sich der zurzeit reichste Mann der Welt den Kurznachrichtendienst Twitter.

Musk sagte dazu: «Die freie Meinungsäusserung ist die Grundlage einer funktionierenden Demokratie und Twitter ist der digitale Dorfplatz, auf dem über die zentralen Themen der Zukunft der Menschheit debattiert wird.» Dass der Besitzer des Autoherstellers Tesla und des Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmens SpaceX damit sein Imperium erweitert, löst Befürchtungen aus.

«Konzerne und Milliardäre werden stets mächtiger und mächtiger, umso schwieriger wird man sie aufhalten können», schreibt 20-Minuten-Leser «Kiidle». Auf Twitter äussern Userinnen und User ähnliche Vorbehalte. Einer warnt, dass Musk gefährlich sei und keine natürlichen Grenzen kenne. «Auch die reichste Person der Welt dürfte nicht alles bekommen, was er will.» 

Ein weiterer Kritiker schreibt: «Ist Twitter der ‹digitale Dorfplatz›, auf dem über die zentralen Themen der Zukunft der Menschheit diskutiert wird, sollte es dann wirklich an einem Multimilliardär liegen, über seine Funktionen und Richtlinien zu entscheiden? Oder sollte es eine Art demokratische Kontrolle geben, die diese schützt?»

«Persönliche digitale Spielwiese»

Machtforscher Ueli Mäder rechnet damit, dass es Elon Musk mit dem Kauf von Twitter um mehr geht als freie Meinungsäusserung. «Hinter dem Kauf steht wohl die Absicht, Twitter als seine persönliche digitale Spielwiese zu nutzen», sagt der emeritierte Professor für Soziologie an der Universität Basel.

Dies müsse nicht heissen, dass Musk jetzt schon konkrete Pläne habe. «Doch bei Persönlichkeiten, die so gestrickt sind wie Elon Musk, ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Einfluss noch stärker geltend machen.»  

Übernahme aus Börsensicht sei problematisch

Christoph Lechner, Professor für Strategisches Management an der Universität St. Gallen, hält den Kauf für sehr problematisch. «Ist Elon Musk im Besitz von Twitter, kann er zum Influencer in eigener Sache werden.»

Twitter sei nicht «irgendeine Firma», sondern einer der grössten globalen Infokanäle, sagt Lechner. «Er könnte die Grundwerte einer Gesellschaft und Demokratie in eine ihm passende Richtung steuern.» So sei Musk etwa in der Lage, Tweets zugunsten seiner Geschäfte und seiner politischen Einstellung zu überwachen.

Als problematisch betrachtet Lechner die Übernahme auch aus Börsensicht. «Er kann auf Twitter ungefiltert Meldungen positiver Natur zu seinen Unternehmen absetzen lassen, und so die Bewegungen am Aktienmarkt mitsteuern und -kanalisieren.» Er gehe jedoch davon aus, dass die amerikanische Aufsichtsbehörde diesbezüglich in absehbarer Zeit reagieren werde.

Eingeschränkter Handlungsspielraum

Social-Media-Profis blicken weniger düster auf die Übernahme. Der Diskurs über die Übernahme von Twitter durch Elon Musk sei wichtig, sagt Irène Messerli, Co-Inhaberin der Bernet Relations AG. Demokratiepolitisch könne zu viel Macht bei einer Person heikel sein». «Trotz seines Vermögens und seiner Macht ist der Handlungsspielraum von Musk aber eingeschränkt.» Grundsätzlich könnten die Menschen auf Twitter den Nachrichtendienst verlassen und andere Plattformen nutzen, wenn sie mit dem Kurs von Elon Musk nicht einverstanden seien. Das gelte auch für die Mitarbeitenden, die für die Weiterentwicklung des Unternehmens wichtig seien. «Wie die Mitarbeitenden auf den neuen Chef reagieren, wird sich zeigen.»

Laut Messerli ist vieles heute Spekulation, da Musks Motiv, Vision und Ziele noch wenig konkret und viele Fragen offen sind. «Welche ethischen Grundsätze sind ihm wichtig, für was steht er? Was versteht er unter freier Meinungsäusserung? In einer demokratischen Gesellschaft wird das ja ausgehandelt, was gesagt werden darf und wo die Grenzen liegen – bestimmt das auf Twitter in Zukunft Elon Musk oder stellt er das Unternehmen breiter auf?» 

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