Weder Shopping noch Fitness möglich – An vier Sonntagen pro Jahr soll die Schweiz stillstehen

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Weder Shopping noch Fitness möglichAn vier Sonntagen pro Jahr soll die Schweiz stillstehen

Pfarrer Josef Hochstrasser fordert, dass am Sonntag mindestens viermal pro Jahr alle Läden und Freizeitangebote geschlossen sind. Aus der Politik erhält er Unterstützung.

von
Bettina Zanni
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Pfarrer Josef Hochstrasser ist der Meinung, dass sonntags weniger los sein solle.

Pfarrer Josef Hochstrasser ist der Meinung, dass sonntags weniger los sein solle.

Getty Images
«Zumindest an vier Sonntagen pro Jahr müsste die Schweiz stillstehen», fordert Pfarrer Josef Hochstrasser. 

«Zumindest an vier Sonntagen pro Jahr müsste die Schweiz stillstehen», fordert Pfarrer Josef Hochstrasser. 

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Sämtliche Konsum- und Freizeitangebote sollten laut Hochstrasser geschlossen sein.

Sämtliche Konsum- und Freizeitangebote sollten laut Hochstrasser geschlossen sein.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Damit wir wieder zu uns selber fänden, müssten sämtliche Konsum- und Freizeitangebote an vier Sonntagen geschlossen sein, fordert Pfarrer Josef Hochstrasser.

  • Grünen-Nationalrat Felix Wettstein stimmt zu: «Wenn es am Schluss schon mal ein Sonntag pro Jahr ist, wäre viel erreicht, auch zugunsten der Umwelt.»

  • Geht es nach FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, sollten die Sonntagsverkäufe dagegen ausgedehnt werden.

Kaum in die Normalität zurückgekehrt, soll die Bevölkerung wieder auf die Bremse drücken. «Es würde genügen, wenn es unsere Gesellschaft fertigbrächte, sich auf vier Sonntage im Jahr zu einigen, an denen weder produziert noch distribuiert, noch konsumiert würde», schrieb der reformierte Pfarrer Josef Hochstrasser am Freitag in einem Gastbeitrag des «Tages-Anzeigers».

Hochstrasser kritisiert, dass der Sonntag heute gar kein Ruhetag sei, sondern lediglich ein «Werktag light». Dagegen bewundert er die Haltung der orthodoxen Juden am Sabbat. An diesem Tag gehe nichts. Die Haltung bezeichnet er als eine «Kraftquelle gegen die zehrende Show der Welt». Gegenüber 20 Minuten fordert Hochstrasser: «Zumindest an vier Sonntagen pro Jahr müsste die Schweiz stillstehen.» Sämtliche Konsum- und Freizeitangebote sollten geschlossen sein. «Das Sonntagsfrühstück ohne frische Gipfeli ist auch keine Tragödie.»

Der Pfarrer sieht darin eine Chance zur «Gesundung» der Gesellschaft. «Anstatt von einem Ort zum nächsten zu rennen, fänden wir wieder zu uns selber und lernten auch den Umgang mit Langeweile wieder.» Obwohl er selber Pfarrer sei, habe seine Forderung keinen religiösen Hintergrund. «Man könnte die stillen Sonntage auch auf einen Wochentag verlegen.»

«Noch strengeres Verkaufsverbot»

Die Forderung stösst bei Nationalräten auf Anklang. Solche Diskussionsbeiträge seien wichtig und anregend, sagt Grünen-Nationalrat Felix Wettstein. «Wenn es am Schluss schon mal ein Sonntag pro Jahr ist, wäre viel erreicht, auch zugunsten der Umwelt.» Er könne sich vorstellen, einen entsprechenden Vorstoss mitzutragen. «Allerdings müssten wir vorher vertieft darüber nachdenken, was genau stillstehen soll.» An solchen Sonntagen müssten die Begegnungen in der Öffentlichkeit im Zentrum stehen. So drohten einsame Menschen nicht noch mehr isoliert zu werden.

SP-Nationalrätin Martina Munz unterstützt die Forderung in Bezug auf Verkäufe von Konsumwaren. «Es wäre gut, wenn man das heutige Verkaufsverbot nicht nur an vier, sondern an allen Sonntagen noch strenger handhaben könnte.» Dafür setzte sie sich nicht nur aus arbeitsrechtlichen Gründen ein. «Es geht auch darum, dass Familien den Sonntag nicht im Shoppingcenter verbringen.» Auch das Wochenende vieler Kinder sei durchorganisiert, was kreative Langeweile nicht zulasse. «Viele Menschen erlebten es als befreiend, als wegen Corona alles stillstand.»

Die Frage nach dem Konsumverhalten

Weniger Betrieb am Sonntag befürworten auch Stimmen aus der SVP-Fraktion. SVP-Nationalrat David Zuberbühler führt mit seinem Bruder in Herisau AR ein Freizeit-Fachgeschäft. Aus Rücksicht auf die Mitarbeitenden, weil Kundinnen und Kunden auch samstags oder am Feierabend einkaufen könnten und im Bewusstsein ihrer sozialen Verantwortung, verzichteten sie bewusst auf Sonntagsverkäufe, sagt Zuberbühler.

«Gerade die angespannte Weltlage und der Ukraine-Krieg zeigen zudem, dass es jetzt aber sicher nicht falsch ist, sich kritisch mit dem eigenen Konsumverhalten auseinanderzusetzen», so Zuberbühler. Stille Sonntage würde er jedoch nicht gesetzlich einführen. «Ob man sonntags öffnet oder nicht, liegt letztlich auch in der Verantwortung und der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.»

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen kann mit stillen Sonntagen hingegen «null anfangen». «Das ist eine absolute Bevormundungsstrategie», sagt er. Es könne nicht sein, dass die Bevölkerung staatlich verordnet zuhause rumsitze. Im Gegenteil, die Sonntagsverkäufe sollten ausgedehnt werden. Die Leute schätzten auch am Sonntag Einkäufe zu erledigen oder ins Fitness zu gehen. «Die Menschen sollen den Sonntag frei gestalten können.» Bereits im Januar forderten die Volkswirtschaftsdirektorinnen und -direktoren der Kantone Zürich, Luzern und Tessin, dass Kantone, Städte und Gemeinden Tourismuszonen festlegen können, in denen Sonntagsverkäufe erlaubt sind. 

Wo Sonntagsarbeit erlaubt ist

Sonntagsarbeit ist in der Schweiz grundsätzlich verboten und im Falle einer Ausnahme bewilligungspflichtig. Für bestimmte Gruppen von Betrieben ist Sonntagsarbeit auch ohne Bewilligung möglich. Darunter fallen Verkaufsstellen und Dienstleistungsbetriebe in Bahnhöfen, die aufgrund des grossen Reiseverkehrs Zentren des öffent­lichen Verkehrs sind. Auch in Flug­häfen dürfen Arbeitnehmende sonntags beschäftigt werden.

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