Aktualisiert 26.05.2020 16:20

Auf Twitter

Angebliche Kritiker stärken Christian Drosten den Rücken

«Grob falsch» sei die Studie des Virologen über die von Kindern ausgehende Ansteckungsgefahr, hiess es gestern. Jetzt melden sich die zitierten Kritiker zu Wort.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Vorsicht beim Kuscheln mit Kindern – das ist, vereinfacht gesagt, das Ergebnis einer sogenannten Preprint-Studie aus dem April 2020 von Forschern der Berliner Charité. Laut dieser könnten Kinder punkto Sars-CoV-2 genauso infektiös sein wie Erwachsene.

Vorsicht beim Kuscheln mit Kindern – das ist, vereinfacht gesagt, das Ergebnis einer sogenannten Preprint-Studie aus dem April 2020 von Forschern der Berliner Charité. Laut dieser könnten Kinder punkto Sars-CoV-2 genauso infektiös sein wie Erwachsene.

Getty Images/iStockphoto
Am 25. Mai 2020 titelte Bild.de «Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch?»

Am 25. Mai 2020 titelte Bild.de «Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch?»

KEYSTONE
In dem dazugehörigen Artikel heisst es, Christian Drosten und seine Kollegen hätten «fragwürdige Methoden» angewendet, …

In dem dazugehörigen Artikel heisst es, Christian Drosten und seine Kollegen hätten «fragwürdige Methoden» angewendet, …

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Darum gehts

  • Laut Bild.de stellen mehrere Forscher eine Studie des deutschen Virologen Christian Drosten infrage.
  • Die vermeintlichen Kritiker distanzieren sich auf Twitter von der Berichterstattung. Sie seien von der Zeitung gar nicht kontaktiert worden.
  • Ihr Hauptanliegen: Sie übten zwar Kritik an der Studie, die zitierten Aussagen seien jedoch aus dem Zusammenhang gerissen.
  • Einer der Zitierten ist Leonhard Held von der Universität Zürich. Im Gespräch mit 20 Minuten bezeichnet er Formulierungen zudem als «überspitzt».

«Fragwürdige Methoden» hätten zu falschen Ergebnissen geführt. So berichtet Bild.de über eine Ende April publizierten Untersuchung von Forschern der Berliner Charité. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Preprint – um eine Studie, die noch nicht von Fachkollegen begutachtet wurde (siehe Box). Darin waren der Virologe Christian Drosten und seinen Kollegen zu dem Ergebnis gekommen, Kinder könnten genauso infektiös wie Erwachsene sein.

Die deutsche Zeitung führt in dem Artikel mehrere Wissenschaftler an, die sich kritisch gegenüber der Arbeit Drostens äussern. Die schienen allerdings – zumindest teilweise – nichts von dem Artikel zu wissen und distanzieren sich nun via Twitter von der Berichterstattung – und erklären sich.

So arbeiten Forscher

Um neue Erkenntnisse unters Volk zu bringen, publizieren Forscher ihre Studien in Fachzeitschriften (Journals). Dafür arbeiten sie zunächst ein Manuskript aus, das sie der Fachzeitschrift vorlegen. Nimmt dieses den Entwurf an, findet die Begutachtung, das sogenannte Peer-Review statt. Das heisst: In der Regel anonyme und unabhängige Fachkollegen begutachten die Arbeit, kritisieren und machen Anmerkungen. Dies dient der Qualitätssicherung. Dann wird die Arbeit an die Autoren zurückgesandt, welche sie überarbeiten. Dieses Vorgehen kann sich einige Male wiederholen. Abschliessend wird die Arbeit im Journal publiziert.

Die Tweets im Überblick

Dominik Liebl, Statistikprofessor an der Universität Bonn, wird von Bild.de wie folgt zitiert: «Die mittlere Viruslast der Altersgruppe Kindergarten ist um 86 Prozent niedriger als die mittlere Viruslast der Altersgruppe der Älteren.»

Christoph Rothe, Statistik- und Ökonomieprofessor an der Universität Mannheim, soll laut der deutschen Zeitung die Arbeit Drostens mit diesen Worten kritisiert haben: «Dass derart grosse Unterschiede von den Autoren als ‹nicht signifikant› eingestuft werden, liegt daran, dass die verwendeten statistischen Methoden sehr schwach sind.» Doch auch er hatte offenbar keinen Kontakt mit dem Medium.

Auch der kritisierte Christian Drosten meldet sich auf Twitter zu Wort – einmal vor dem Erscheinen des Artikels, zweimal danach.

Jörg Stoye, Ökonom an der Cornell-Universität im US-Bundesstaat New York, soll laut Bild.de ein weiterer Kritiker von Drostens Arbeit sein, was er selbst jedoch anders sieht:

«Ich betone, dass ich keine Absicht unterstelle.»

Gemäss Bild.de wirft Stoye dem Berliner Virologen vor, dass die Ergebnisse «von Entscheidungen der Forscher getrieben sein.» Schliesslich stimme die Stossrichtung «mit den öffentlichen Standpunkten (...) der jeweiligen Hauptautoren überein.»

Gegenüber Spiegel.de widerspricht der Wirtschaftsprofessor dem jedoch vehement: Die Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Tatsächlich stamme sie aus einem wissenschaftlichen Fachaussatz, der mit den Worten ende: «Ich betone, dass ich den Autoren keine Absicht unterstelle.»

Fehde geht weiter

Er habe den Text auf der Plattform Arxiv.org veröffentlicht, so Stoye. «Normalerweise schaut dort kein Nichtwissenschaftler hin. Hätte ich gewusst, dass ‹Bild› diesen Satz liest, hätte ich ihn bestimmt nicht geschrieben. Wer die Studie ganz rezipiert, kann mich aber kaum missverstehen.»

Diese Aussage greift wiederum Bild-Chefredaktor Julian Reichelt auf. Er twittert:

Es scheint, die-Fehde ist noch lange nicht zu Ende, zumal mittlerweile nicht nur die Beteiligten mitmischen.

«Drostens Studie ist nicht hieb- und stichfest»

Auch Leonhard Held, Professor am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich, wird als Kritiker angeführt. Auch er wurde nicht vom Redaktor kontaktiert, stellt er klar: «Meine Äusserungen stammen aus einer Stellungnahme zur Studie, die online zugänglich ist.»

Anders als vom Vorgehen von Bild.de nimmt er von dieser auch keinen Abstand: «Drostens Studie ist nicht hieb- und stichfest.» So hätte dessen Team etwa «eine Art der statistischen Analyse gewählt, die nicht zur Fragestellung passt». Bei seiner Auswertung der Daten habe er eine gewisse Evidenz gefunden, «dass die Viruslast bei Kindern niedriger ist».

Ein «fundamental» anderes Ergebnis, wie der Redaktor «überspitzt» schreibe, sei das aber nicht. «Meine Kritik war mässiger Natur.»

Das wirkliche Problem an der Arbeit Drostens sei, dass sie von den Medien als finale Studie aufgefasst und breit gestreut worden sei sowie «möglicherweise zur Entscheidungsfindung hinzugezogen wurde», so Held. «Dafür sind die Ergebnisse nicht eindeutig genug.» Bei einer Preprint-Studie sei das aber selten der Fall.

Allerdings würde die von den Charité-Forschern angewandte Statistik inzwischen auch von anderen Experten wie dem Statistiker Sir David Spiegelhalter kritisiert, der sogar empfiehlt, die Statistik zurückzuziehen.

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