Drängen auf Freitod? - Angehörige äussern schwere Vorwürfe gegen Exit – «ein einziges Desaster»
Aktualisiert

Drängen auf Freitod?Angehörige äussern schwere Vorwürfe gegen Exit – «ein einziges Desaster»

Ein 84-jähriges Exit-Mitglied wählte den Freitod. Dabei beging die Sterbehilfeorganisation laut Angehörigen Fehler. Exit wehrt sich – mit Verweis auf den Persönlichkeits­schutz.

von
Marcel Urech
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Angehörige eines Exit-Mitglieds äussern Vorwürfe gegen die Sterbehilfeorganisation.

Angehörige eines Exit-Mitglieds äussern Vorwürfe gegen die Sterbehilfeorganisation.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Exit gibt an, jeden Sterbewunsch genau zu prüfen – laut der «Republik» ist das aber nicht der Fall.

  • Ein Mann habe nach nur einer Exit-Beratung den Freitod gewählt, obwohl Angehörige intervenierten.

  • Die psychische Verfassung des Mannes und eine mögliche Depression habe Exit ignoriert.

Die Sterbehilfe­organisation Exit ist in den letzten zehn Jahren von 52’000 auf über 135’000 Mitglieder angewachsen. 2010 schieden 257 Menschen mithilfe von Exit aus dem Leben, 2020 waren es 913. Darunter auch ein 84-jähriges Exit-Mitglied, dessen Sterbefall die «Republik» im Detail schildert.

«Exit war für ihn eine Art Versicherung»

Der Mann habe lange an grünem Star gelitten und Angst davor gehabt, zu erblinden. «Exit war für ihn eine Art Versicherung, dass er im Fall einer drastischen Verschlechterung seiner Augen selbst­bestimmt sterben könnte», sagt die jüngste Tochter des Naturwissenschaftlers zur «Republik».

Laut Hausarzt und Exit waren alle Voraus­setzungen für den Freitod erfüllt. Im September 2019 sei der Mann davon ausgegangen, in den nächsten zwei Monaten zu erblinden – deshalb wollte er sterben. Eine Ärztin habe allerdings keine Verschlechterung der Sehkraft feststellen können, schreibt die Republik.

Ein Gespräch mit Exit – und dann in den Freitod

Der Hausarzt habe die Urteilsfähigkeit des Exit-Mitglieds bestätigt und ihm versprochen, das tödliche Mittel zu verschreiben. Dabei habe er einen Hinweis der Tochter, dass ihr Vater bei der Augengeschichte oft panisch reagiere und möglicherweise eine Depression habe, ignoriert. Ende September habe es dann ein Treffen mit einem Freitod­begleiter von Exit gegeben – es sollte das erste und auch letzte sein.

«Das Gespräch war ein einziges Desaster», sagt eine andere der Töchter des Naturwissenschaftlers zur «Republik». Der Sterbehelfer habe kein Interesse an der bedenklichen psychischen Verfassung ihres Vaters gezeigt, und es habe nicht mal ein Folgegespräch gegeben. Auch ihren Wunsch, den Sterbehelfer auszutauschen, habe Exit einfach abgeschmettert. «Nach knapp 50 Minuten unterschrieb mein Vater die nötigen Dokumente und von dem Moment an ging alles in rasendem Tempo weiter und war nicht mehr aufzuhalten.»

Am 13. November 2019 ging der Mann schliesslich in den Freitod.

Exit beruft sich auf Persönlichkeits­schutz

Der Sterbehelfer, die Leiterin Freitod­begleitung und die Präsidentin von Exit wollten sich gegenüber der «Republik» nicht zum Fall äussern. Medien­sprecher Jürg Wiler antwortete wie folgt: «Die Aussagen, wie sie im Text aufgeführt sind, können wir nicht bestätigen. Wie bereits telefonisch mehrfach erwähnt, können wir aufgrund des Persönlichkeits­schutzes zu Einzel­fällen leider keine Angaben machen.» Die Republik berichtet zudem, dass Exit nun seine Prozesse überprüfen wolle.

Exit schreibt auf Anfrage von 20 Minuten: «Die Organisation funktioniert seit bald 40 Jahren ohne nennenswerte Beanstandungen. Jede einzelne Begleitung wird direkt im Anschluss durch die Untersuchungsbehörden überprüft.» Würde sich Exit auch nur einmal falsch verhalten, würde dieser Fall sofort vor dem Richter landen, so Jürg Wiler, Vizepräsident Kommunikation. Eine Überprüfung der Prozesse aufgrund des von der «Republik» geschilderten Falles sei nicht vorgesehen.

Jährlich würden rund 1200 Abklärungen getroffen. Im Maximum habe Exit 8 Beschwerden pro Jahr erhalten. Zudem sollen die regional tätigen Begleitpersonen in Zukunft bei komplexen Diagnosen (Demenz, Mehrfachdiagnosen, etc.) durch ein Team von ebenfalls regional aktiven Beratungsfachpersonen fachlich unterstützt werden. Somit würden in Zukunft ein fünfköpfiges Abklärungsteam die komplexesten Fälle bearbeiten.

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Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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