Aktualisiert 23.12.2015 08:35

Syrischer Geistlicher«Angela Merkel war verantwortungslos!»

Priester Denir befreit IS-Geiseln. Im Interview spricht er von seiner Enttäuschung über die Medien – und Angela Merkel, der er die Schuld am Tod von 20 Jugendlichen seiner Diözese gibt.

von
Ann Guenter
Priester Denir auf dem Pilatus. Der syrisch-orthodoxe Priester tankt für ein paar Tage Kraft in der friedlichen Schweiz, bevor er zurück nach Syrien reist.

Priester Denir auf dem Pilatus. Der syrisch-orthodoxe Priester tankt für ein paar Tage Kraft in der friedlichen Schweiz, bevor er zurück nach Syrien reist.

Kein Anbieter/ZVG

Er heisst nicht Priester Denir, doch zu seinem eigenen Schutz muss er anonym bleiben, und er darf auch nicht fotografiert werden: Denn die Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) jagen den syrisch-orthodoxen Geistlichen. Der Grund: Der Mann hat diesen Herbst in der Provinz Homs heimlich etliche Geiseln aus den Fängen des IS befreit (hier gehts zur Geschichte).

20 Minuten sprach mit ihm während eines kurzen Besuchs in der Schweiz. Über die Lage der Menschen in Syrien, seine Enttäuschung über die westlichen Medien, über Flüchtlingspolitik und Angela Merkel.

Priester Denir, Sie helfen, Geiseln aus den Händen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu befreien. Deswegen sucht Sie der IS, Sie sind in Todesgefahr. Haben Sie Angst?

Um Christus sinngemäss zu zitieren: Die Pforte zum Himmel ist eng. Der einfache Weg aber ist der Weg zur Verdammnis.

Papst Franziskus hat Sie in Rom empfangen. Wie war das?

Franziskus war sehr freundlich. Zusammen mit seinem Vorgänger Benedikt haben wir für den Frieden gebetet.

Was kann der Papst konkret für Syrien tun?

Der Vatikan unterstützt die katholischen Gemeinden und Kirchen in Syrien. Diese humanitäre Hilfe ist wichtig, aber ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger ist der Druck auf politischer und diplomatischer Ebene durch den Vatikan. Ohnehin bin ich sicher: Wenn alle Grossmächte entschlossener zusammenarbeiten würden, gäbe es in einem Monat Frieden in Syrien.

Fühlen Sie sich von ebendiesen Grossmächten im Stich gelassen?

Doch, ja. Trotzdem: Sie haben Syrien zerstört – aber sie sind auch die Einzigen, die fähig sind, Syrien zu retten. Letztlich geht es um geopolitische und wirtschaftliche Interessen, aber das muss ich ja niemandem mehr erzählen. Ich fühle mich aber vor allem auch von den westlichen Medien im Stich gelassen: Sie berichten doch kaum mehr über die Menschen, die diesen Krieg jeden Tag ertragen müssen.

Das hat auch mit den Restriktionen zu tun: Journalisten können vor Ort kaum mehr berichten.

Und doch berichten sie, ohne jemals mit uns direkt Betroffenen vor Ort gesprochen zu haben. Sie spielen so mit unserem Schicksal, indem sie Unwahrheiten berichten. Auch wenn sie nicht nach Syrien reisen können, gibt es andere Wege, mit uns Kontakt aufzunehmen. Ich wünsche mir von Seiten der westlichen Medien mehr Unterstützung. Auch sie haben Macht.

Was sind Ihre Gedanken zur Handhabung der Flüchtlinge in Europa?

Die Leute in Syrien wollen nicht aus ihrer Heimat fliehen. Das müssen die Menschen in Europa wirklich verstehen. Gerade Christen sind in einer schweren Lage. In den Flüchtlingscamps der muslimischen Nachbarländer hören sie: Ihr werdet ja im «christlichen» Europa unterstützt, geht dorthin! Essen wird ihnen verwehrt, sie werden geschlagen. In Europa hingegen werden die syrischen Christen mit den Muslimen in einen Topf geworfen und sind in Asylzentren auch oftmals Opfer von Übergriffen seitens muslimischer Mitbewohner. So sind gerade die christlichen Syrer und Iraker zwischen Stuhl und Bank.

Was tut denn die UNO vor Ort?

Die UNO arbeitet mit verschiedenen lokalen Hilfswerken vor Ort zusammen. Doch werden etwa Christen bei Verteilungen teils stark benachteiligt. Meiner Meinung nach sollte die UNO sich primär für den Frieden einsetzen und sich stärker darauf statt auf die humanitäre Hilfe konzentrieren. Immerhin ist das ein Staatenbund! Er hätte auf politischer Ebene so viel Macht – und er hätte diese viel früher einsetzen müssen.

Was halten Sie von Angela Merkels Willkommenssignal an die Flüchtlinge aus Syrien und Irak?

Es war das falsche Signal. Es war verantwortungslos, auch wenn Deutschland für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen sicher mehr macht als alle anderen europäischen Länder. Aber viele Menschen starben deswegen. Allein aus meiner Diözese machten sich nach diesem Aufruf der Kanzlerin 150 Jugendliche auf den Weg nach Deutschland. Junge, gut ausgebildete, hoffnungsvolle und intelligente junge Menschen. Fast zwanzig von ihnen ertranken im Mittelmeer.

Was wäre denn Ihr Ansatz?

Ach, wenn es so einfach wäre und ich das Sagen hätte. Aber gut: Meiner Meinung nach löst die verstärkte Aufnahme von Flüchtlingen das Problem nicht – und wenn schon, sollte die EU dafür sorgen, dass die Kriegsflüchtlinge auf legalem und sicherem Weg nach Europa gelangen. Etwa, indem sie die Menschen in Botschaften in Syrien oder den Nachbarländer kontrolliert und registriert. So könnte eher sichergestellt werden, dass keine Terroristen eingeschleust werden, was in Europa bereits der Fall ist. So aber spielt man mit dem Leben, dem Schicksal und den Hoffnungen verzweifelter Menschen.

Aramaic Relief ist ein Schweizer Hilfswerk, das sich für die verbliebenen Menschen in Syrien einsetzt und Direkthilfe vor Ort leistet. Das Motto: «Soforthilfe, die ankommt!» Weitere Informationen unter Aramaic Relief

Aramaic Relief ist ein Schweizer Hilfswerk, das sich für die verbliebenen Menschen in Syrien einsetzt und Direkthilfe vor Ort leistet. Das Motto: «Soforthilfe, die ankommt!» Weitere Informationen unter Aramaic Relief

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.