Aktualisiert 19.05.2018 15:45

BundesratAngestellte müssen weiter auf getrennte WCs

Der Bundesrat will den Unisex-Toiletten nicht zum nationalen Durchbruch verhelfen. Das enttäuscht nicht nur den Motionär, sondern auch den Verein Transgender Network.

von
sul
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Der Bundesrat kann keine nationale Regelung für Unisex-Toiletten erlassen, wie er in seiner Stellungnahme zur Motion von FDP-Nationalrat Albert Vitali schreibt.

Der Bundesrat kann keine nationale Regelung für Unisex-Toiletten erlassen, wie er in seiner Stellungnahme zur Motion von FDP-Nationalrat Albert Vitali schreibt.

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So sehen die Unisex-Toiletten im Hotel Anker in Luzern aus.

So sehen die Unisex-Toiletten im Hotel Anker in Luzern aus.

Keystone/urs Flueeler
Für Transmenschen seien solche WCs ein sicherer Ort, sagt Stefanie Hetjens, Co-Präsidentin von Transgender Network.

Für Transmenschen seien solche WCs ein sicherer Ort, sagt Stefanie Hetjens, Co-Präsidentin von Transgender Network.

Keystone/urs Flueeler

«Neue Offenheit auf dem stillen Örtchen»: Das wünscht sich der Luzerner FDP-Nationalrat Albert Vitali. In einer Mitte März eingereichten Motion forderte er daher die Zulassung von Unisex-Toiletten in der ganzen Schweiz. So, wie man das aus Zügen und Flugzeugen seit jeher kennt.

Heute sind die Toiletten-Vorschriften kantonal unterschiedlich geregelt. In den Kantonen Zürich und Bern etwa müssen Restaurants mit mehr als 50 Sitzplätzen geschlechtergetrennte WCs anbieten. Im Kanton Freiburg gilt dies schon ab 13 Sitzplätzen. Das Arbeitsrecht schreibt zudem landesweit «getrennte Garderoben, Waschanlagen und Toiletten» vor. Angestellte von Restaurants verrichten ihr Geschäft also in jedem Fall separat.

Förderung der gesellschaftlichen Toleranz

Solche Vorschriften gründeten «im viktorianischen Zeitalter mit seinen rigiden Moralvorstellungen» und seien daher überholt, hält Vitali in seinem Vorstoss fest. Der Freisinnige pocht auf die Eigenverantwortung: «Es kann doch nicht sein, dass der Staat den Betrieben vorschreibt, wie sie ihre Toiletten zu gestalten haben.» Es genüge, gesetzlich festzulegen, dass die Privatsphäre nutzungsgerecht garantiert sein müsse.

Unisex-Toiletten fördern laut Vitali die gesellschaftliche Toleranz: So könne intersexuellen Personen und Eltern mit ihren gegengeschlechtlichen Kindern das Dilemma erspart werden, welche Toilette sie benützen müssen. Vitali forderte den Bundesrat in der Motion daher auf, «das Arbeitsgesetz und allfällige weitere Gesetze dahingehend zu ändern, dass Toiletten nicht nur getrennt vorzusehen sind».

Bundesrat will nicht an Arbeitsrecht rütteln

Der Bundesrat sieht sich aber nicht zuständig für das stille Örtchen. Die Toiletten in Flugzeugen, Zügen und Restaurants seien nicht im Bundesgesetz geregelt, heisst es in der am Donnerstag veröffentlichten Stellungnahme zu Vitalis Vorstoss. «Insofern kann der Bundesrat keine nationale Regelung für Unisex-Toiletten erlassen.»

Am Arbeitsrecht will die Regierung nicht rütteln. Die Regeln für die Arbeitswelt gebe es unter anderem deshalb, weil die Arbeitnehmer keine Wahl hätten, wo sie ihre Arbeitskleider wechseln oder wo sie auf die Toilette gehen – im Gegensatz zu den Orten im öffentlichen Raum.

Doch auch in Restaurants oder Läden sieht der Bundesrat Gründe für geschlechtergetrennte WC-Anlagen. Dazu zählt er die Vermeidung sexueller Belästigung, das Unwohlsein durch die Präsenz des andern Geschlechts oder hygienische Gründe.

«Gefahr sexueller Belästigung womöglich kleiner»

Vitali zeigt sich überrascht ob der Haltung des Bundesrats. «Ich frage mich wirklich, ob der Bundesrat schon je ein Unisex-WC von innen gesehen hat», sagt er. Die Argumente in seiner Antwort seien jedenfalls alles andere als überzeugend. «Auf Unisex-WCs ist die Gefahr sexueller Belästigung womöglich sogar kleiner, weil mehr Betrieb herrscht», sagt er.

Zudem gebe es auf Toiletten mit verriegelbaren Türen keinen Grund, sich unwohl zu fühlen. Er werde nun die Stellungnahme des Bundesrates seriös anschauen und beurteilen, so Vitali.

Sicherer Ort für Transmenschen

Auch beim Verein Transgender Network ist man enttäuscht, dass der Bundesrat den Unisex-WCs nicht zum Durchbruch verhilft. Laut Präsidentin Stefanie Hetjens stellten Unisex-Toiletten für Transmenschen einen sicheren Ort dar. «Gerade nach dem Coming-out, wenn das Erscheinungsbild noch nicht zum Zielgeschlecht passt, werden Transmenschen auf geschlechtergetrennten WCs oft mit Diskriminierung und Gewalt konfrontiert», sagt Hetjens.

Auch non-binären Transmenschen, die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, würden Unannehmlichkeiten durch Unisex-WCs erspart.

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